An solchen Tagen flimmert die Luft über dem Waldboden. Das Thermometer klettert auf 40 Grad, an der kleinen Waldquelle herrscht sicher Hochbetrieb. Schon beim Aussteigen aus dem Auto höre ich die melodischen Klänge vor allem aber die krächzenden Rufe von mindestens 3 Pirole (Oriolus oriolus). Sie sind sicher direkt in den Bäumen oberhalb der Quelle. Und tatsächlich.
Nachdem ich die Kamera, eine Canon EOS 1DX Mark III mit dem sogenannten Wireless File Transmitter WFT-E9 an einem Canon EF 85mm f1.4L IS USM auf einem Gitzo-Stativ unauffällig in der Nähe der Quelle positioniert habe und mich dann wieder zu meinem Auslöse-Standort zurückgezogen haben, kommen sofort die Vögel. Kohlmeisen (Parus major), Blaumeisen (Cyanistes caeruleus), Buchfinken (Fringilla coelebs), Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes), Eichelhäher (Garrulus glandarius) und Buntspechte (Dendrocopos major) landen nacheinander am Wasser, trinken ausgiebig oder nehmen – seltener – ein erfrischendes Bad. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Vor allem Kohlmeisen und Buchfinken kommen in beachtlicher Anzahl. Einmal zähle ich 8 Buchfinken um die beiden Wasserlöcher der Quelle. Es sind hauptsächlich Jungvögel. Vielleicht machen sie heute ihren ersten richtigen Ausflug.
Hoch oben in den Baumkronen erklingen jedoch unablässig die krächzenden Rufe der Pirole. Sie scheinen die Wasserstelle genau zu kennen und scheinen von oben herunter zu schauen, doch sie kommen nicht herunter. Dabei sind sie gut im Blattwerk versteckt. Einmal sehe einen männlichen Pirol. Aber auch nur, weil er abfliegt und sich dann mal offen auf einen Ast setzt. Dann ist er aber auch schon wieder verschwunden. Ich habe den Eindruck, mit der Zeit nimmt die Intensität der Rufe zu. Sie müssen direkt über mir bzw. der Quelle sein. Aber es dauert 1,5 Stunden bis sich endlich mal ein Pirol, wohl ein vorjähriges Individuum, traut. Er sitzt für einige Sekunden, dafür still, auf einem Ast direkt über der Wasserstelle. Ein schöner, erwachsener Kernbeißer leistet ihm Gesellschaft auf dem gleichen Ast. Was für ein Bild!
Trotzdem: Trinken oder gar baden, konnte ich nicht beobachten. Warum verhalten sich Pirole augenscheinlich so anders als viele andere Waldvögel?
Eine Antwort könnte sein, daß der Pirol eine ausgeprägte Baumkronenart ist. Den größten Teil seines Lebens verbringt er in den oberen Bereichen hoher Laubgehölze, wo er Nahrung sucht, ruht und brütet. Seine auffällige gelbe Färbung täuscht darüber hinweg, wie geschickt er sich im dichten Blätterdach verbirgt. Der Aufenthalt am Boden gehört nicht zu seinem typischen Verhaltensrepertoire und wird möglichst vermieden.
Während extremer Hitze suchen Pirole durchaus die Nähe von Wasserstellen auf. Häufig verraten sie ihre Anwesenheit durch ihre charakteristischen, melodischen Rufe, bleiben jedoch in den Kronen der umliegenden Bäume. Dieses Verhalten dient vermutlich der Risikominimierung. Der Bereich am Boden ist für einen Vogel, der an das Leben im Kronendach angepaßt ist, deutlich gefährlicher. Dort lauern Beutegreifer wie Hauskatzen, Marder oder Habichte, außerdem fehlt die unmittelbare Deckung durch dichtes Laub. Selbst wenn die Wasserstelle nur wenige Meter entfernt liegt, überwiegt offenbar das Sicherheitsbedürfnis.
Im Gegensatz dazu gehören Arten wie Kernbeißer, Buchfinken oder Kohlmeisen regelmäßig zu den Besuchern offener Wasserstellen. Diese Vögel nutzen den Boden häufig zur Nahrungssuche und sind daher besser an kurze Aufenthalte außerhalb der Vegetationsdeckung angepaßt. Auch Buntspechte steigen regelmäßig an Baumstämmen bis in Bodennähe hinab und nutzen Wasserstellen zum Trinken oder Baden. Eichelhäher bewegen sich ohnehin oft am Waldboden und zeigen entsprechend weniger Scheu.
Das bedeutet jedoch nicht, daß Pirole unter hohen Temperaturen zu wenig Flüssigkeit aufnehmen. Ein erheblicher Teil ihres Wasserbedarfs wird über die Nahrung gedeckt. Besonders während der Brutzeit besteht ihre Nahrung überwiegend aus Raupen, Schmetterlingslarven, Käfern und anderen wirbellosen Tieren, deren Körper einen hohen Wasseranteil besitzen. Später im Sommer ergänzen saftige Früchte wie Kirschen, Holunderbeeren oder Maulbeeren den Speiseplan. Diese liefern neben Kohlenhydraten ebenfalls reichlich Flüssigkeit.
Zusätzlich können Pirole Tautropfen sowie auf Blättern haftendes Regenwasser aufnehmen. Besonders in den frühen Morgenstunden oder nach einem kurzen Sommerregen steht im Blätterdach ausreichend freies Wasser zur Verfügung. Für eine Art, die sich fast ausschließlich in den Baumkronen aufhält, stellt diese Wasserquelle eine sichere Alternative zur offenen Wasserstelle dar.
Außerdem wird in der einschlägigen Literatur (s. Handbuch der Vögel Mitteleuropas (HBV) von Urs N. Glutz von Blotzheim, Erwin Stresemann und Bauer et. al., Band 13/II. Passeriformes (4. Teil) Sittidae – Laniidae) darüber berichtet, daß bei leichtem Regen der Pirol sogar „duscht“. Dazu kippt er von einem Ast aus wie eine Fledermaus kopfvoran nach unten. Mit offenen Flügeln lässt er sich beregnen. Nach dem Zurückschwingen nach oben schüttelt, putzt und ordnet er sein Gefieder wieder. Es wird ebenfalls berichtet, daß der Pirol auch Bäder aus dem Flug heraus vornimmt. Dazu fliegt er im Sturzflug auf eine Wasseroberfläche zu, landet auf dem Wasser, spritzt mit seinen Flügeln Wasser auf und taucht seine Brust unter. Manchmal wir sogar von Abtauchen berichtet.
An dem Erlebnis erkennt man aber, daß aber einzelne Pirole durchaus gelegentlich baden oder direkt an einer Quelle trinken. Da solche Beobachtungen jedoch vergleichsweise selten, rundet der Beitrag in diesem Blog das Verständnis für das Verhalten dieser Art ein wenig mehr ab. Die Art gilt als vorsichtig und meidet unnötige Risiken. Deshalb bleibt oft nur ihr unverwechselbarer Ruf aus den Baumwipfeln hörbar, während andere Waldvögel längst im kühlen Wasser planschen. Gerade dieses zurückhaltende Verhalten macht den Pirol zu einer der faszinierendsten und zugleich geheimnisvollsten Vogelarten unserer heimischen Laubwälder.
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