Wenn die Nordsee Ende Juli bereits nach Herbst riecht: Vogelzug am Blåvandshuk

AusternfischerWer Ende Juli/ Anfang August am Blåvandshuk steht, merkt schnell, daß dieser Ort anders ist als viele andere Küstenabschnitte. Es reicht oft schon ein Blick über die Dünen, das Fernglas in der Hand und ein kräftiger Wind vom Meer: Plötzlich tauchen ziehende Limikolen auf, Seeschwalben schneiden knapp über der Wasserlinie entlang und irgendwo zwischen den bekannten Arten kann eine Überraschung auftauchen. Genau diese Mischung aus Weite, Wetter und Vogelbewegung macht den westlichsten Punkt Dänemarks zu einem der spannendsten Beobachtungsplätze Nordeuropas.

Blåvandshuk liegt an der Westküste Jütlands und bildet die westliche Spitze Dänemarks. Die Lage zwischen Nordsee, Wattenmeer und den großen Zugwegen entlang der skandinavischen Küste verleiht dem Gebiet eine besondere ornithologische Bedeutung. Besonders im Spätsommer entsteht hier ein „Flaschenhalseffekt“: Viele Vögel, die aus den Brutgebieten in Skandinavien, Island oder der arktischen Tundra nach Süden ziehen, konzentrieren sich an der Küstenlinie.

Ende Juli befindet sich Blåvandshuk bereits in einer Übergangsphase zwischen Sommerdispersion und echtem Herbstzug. Regelmäßig werden zu dieser Zeit zahlreiche Watvögel beobachtet, darunter Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula), Alpenstrandläufer (Calidris alpina), Knutts (Calidris canutus), Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica), Rotschenkel (Tringa totanus) und Große Brachvögel (Numenius arquata). Auch verschiedene Seeschwalbenarten gehören zum typischen Bild. Flußseeschwalbe (Sterna hirundo), Küstenseeschwalben (Sterna paradisaea) und Brandseeschwalben (Thalasseus sandvicensis) nutzen die Küstenregion auf ihren Bewegungen zwischen Brut- und Rastgebieten.

Auch Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) und Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola) können bereits im Juli auftreten. Während der Goldregenpfeifer in dieser Phase noch relativ früh erscheint, gehört der Kiebitzregenpfeifer zu den Arten, die zunehmend mit dem Beginn des Wegzuges in Erscheinung treten. Pfuhlschnepfen sind besonders interessant, da adulte Vögel ihre arktischen Brutgebiete häufig schon im Juli verlassen. Beobachtungen dieser Art Ende Juli passen daher gut in das bekannte Zugmuster.

Bei Raubseeschwalben (Hydroprogne caspia) handelt es sich dagegen um eine weniger regelmäßige, aber durchaus mögliche Erscheinung. Blåvandshuk ist bekannt für gelegentliche Seltenheiten, da die exponierte Lage am Nordseeeingang Vögel aus unterschiedlichen Richtungen erfassen kann. Zu den bemerkenswerten Ausnahmeerscheinungen, die in den vergangenen Jahren an der dänischen Westküste und speziell im Bereich Blåvand beobachtet wurden, zählen unter anderem seltene Seevögel und Irrgäste wie Basstölpel (Morus bassanus), Wellenläufer (Oceanodroma leucorhoa), Schwarzbrauenalbatrosse (Thalassarche melanophris) sowie verschiedene seltene Watvögel und nordamerikanische Gäste. Gerade während starker Wetterlagen können ungewöhnliche Arten auftreten.

Die Frage, ob die Bewegungen Ende Juli bereits als Zug aus den Brutgebieten gelten oder lediglich normale Standortverlagerungen darstellen, läßt sich nicht pauschal beantworten. Bei vielen Arten handelt es sich um eine Kombination aus beidem. Nach der Brut verlassen adulte Vögel häufig frühzeitig die Brutgebiete und beginnen Wanderungen zu Mauser- und Rastplätzen. Diese Bewegungen wirken bereits wie Zug, sind aber biologisch noch Teil einer Zwischenphase zwischen Brutzeit und eigentlichem Herbstzug.

Besonders bei Pfuhlschnepfen, Rotschenkeln und Seeschwalben kann Ende Juli bereits ein klarer Beginn des Wegzuges erkennbar sein. Bei Enten und einigen anderen Wasservögeln spielen dagegen Mauserbewegungen und lokale Verlagerungen eine größere Rolle.

Für Beobachter gibt es an Blåvandshuk typische „gute“ Tage. Besonders interessant sind Wetterlagen mit kräftigem West- bis Nordwestwind. Solche Winde können Vögel entlang der Küste führen und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, ziehende Arten direkt am Punkt beobachten zu können. Nach Sturmtiefs oder längeren Perioden mit starkem Wind aus westlichen Richtungen entstehen häufig besonders spannende Bedingungen. Auch der erste ruhigere Tag nach einer Schlechtwetterphase kann außergewöhnlich sein, wenn viele Vögel ihre Wanderung fortsetzen. Als Standard für einen optimalen Limikolenzug dagegen wird von lokalen Ornithologen ein Ost oder Süd-Ost-Wind eingeschätzt.

Den besten Überblick am Leuchtturm von Blåvandshuk hat man von der Aussichtsplattform des 39 Meter hohen Turms. Er bietet einen fantastischen 360-Grad-Panoramerblick über das Meer, das vorgelagerte Riff Horns Rev und die weite Dünenlandschaft. Der Turm selbst ist optimal für den Weitblick mit dem Spektiv. Nach 170 Stufen steht man auf der Plattform. Von hier aus lässt sich das Meereszugvogel-Aufkommen über dem Horns Rev hervorragend überblicken. Bei starkem Wind kann es oben allerdings recht ungemütlich werden. Für Ornithologen gibt es in unmittelbarer Umgebung jedoch noch Alternativen. Die Dünenkuppen direkt westlich des Turms sind eine Option, die vielleicht auch für Fotografen besser geeignet ist. Diese Stellen sind auch die klassischen Posten der Forscher der lokalen Vogelstation Blåvand (Blåvand Fuglestation). Wer sich in den Dünen oder direkt am Strand von Blåvands Huk positioniert, ist nah am Geschehen. Hier ziehen im Frühling und Herbst tausende Sing- und Watvögel direkt an der Küstenlinie entlang. Ein weiterer, gern genutzter Beobachtungsplatz ist der sogenannte “Sabine-Bunker”. Das ist ein bekannter wettergeschützter Beobachtungspunkt der dänischen Ornithologen inmitten der Dünenlandschaft. Er wird gerne bei extremen Wetterlagen genutzt, um den Vorbeizug der Seevögel windgeschützt zu zählen.

Die besten Beobachtungschancen ergeben sich meist am frühen Morgen, wenn die Zugaktivität hoch ist und die Thermik noch gering bleibt. Ein Fernglas, ein Spektiv und Geduld gehören zur Grundausstattung. Denn Blåvandshuk lebt nicht nur von den häufigen Arten, sondern vor allem von der Möglichkeit, daß zwischen ihnen jederzeit ein ungewöhnlicher Gast auftaucht.

Ende Juli zeigt sich hier bereits der Vorbote des Herbstes. Die großen Zugbewegungen stehen noch bevor, aber die ersten arktischen Reisenden sind bereits unterwegs. Später im Jahr sind dann noch „richtige“ Seltenheiten möglich. So ab Mitte/ Ende Oktober werden dann Goldhähnchen-Laubsänger (Phylloscopus proregulus), Thorshühnchen (Phalaropus fulicarius), Krabbentaucher (Alle alle) und Waldpieper (Anthus hodgsoni) gesichtet.

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