Manchmal lohnt es sich, einfach stehen zu bleiben und zu beobachten. Auf einer Straße in der Nähe von Blankensee direkt an der Grenze zwischen Teltow-Fläming und Potsdam-Mittelmark halte ich auf einer leichten Anhöhe in der Nähe von Gut Breite. Mit laufen Rufen werde ich von 2 Stelzenläufern (Himantopus himantopus) direkt an- und überflogen. Es sind die Vögel, die bereits seit einigen Wochen von der Ungeheuerwiese gemeldet werden. In etwa 300 Meter Entfernung sehe ich zu meiner Freude vier Stelzenläufern. Zwei Altvögel begleiten zwei noch nicht flügge Jungvögel, die sich erstaunlich zielstrebig auf einer kurzrasigen Schafweide bewegen. Immer wieder erschallen laute Alarmrufe. Die Altvögel versuchen wohl – nicht immer erfolgreich – die Jungen wieder in die höhere Vegetation der Ungeheuerwiesen zu locken. Mehrfach fliegen die Altvögel in meine Richtung, obwohl ich weit entfernt bin und mich kaum bewege. Das Verhalten wirkt zunächst ungewöhnlich. Weshalb verlassen die Vögel den vermeintlich sicheren Bewuchs der Wiese und führen ihre Jungen auf eine offene Fläche?
Tatsächlich entspricht dieses Verhalten der Brutbiologie des Stelzenläufers. Die Küken sind Nestflüchter und verlassen das Nest bereits wenige Stunden nach dem Schlupf. Sie suchen ihre Nahrung selbstständig, werden aber von beiden Eltern geführt und intensiv bewacht. Die Altvögel reagieren während dieser Phase ausgesprochen empfindlich auf mögliche Störungen und verteidigen ihre Jungen mit lauten Warnrufen sowie gezielten Scheinangriffen gegen Menschen, Säugetiere oder Greifvögel.
Der Wechsel von dichter Vegetation auf kurzrasige Weideflächen ist keineswegs ungewöhnlich. Kurzrasige Bereiche erleichtern den Jungvögeln die Fortbewegung und bieten gleichzeitig einen besseren Zugang zu kleinen Wirbellosen, die den Hauptanteil ihrer Nahrung bilden. Außerdem können die Altvögel potenzielle Feinde auf offenen Flächen früher erkennen. Hohe Vegetation bietet zwar Deckung, schränkt aber auch die Sicht erheblich ein und erschwert die Kommunikation innerhalb der Familie.
Die Führungszeit beträgt gewöhnlich vier bis fünf Wochen. Während dieser Zeit wachsen die Jungen rasch heran, entwickeln ihr Jugendgefieder und trainieren ihre Flugmuskulatur. Mit etwa einem Monat sind sie flugfähig, bleiben jedoch häufig noch einige Zeit im Familienverband. Erst danach werden sie zunehmend selbstständig und schließen sich später oft kleinen Trupps an, bevor der Wegzug einsetzt.
Ob anschließend eine zweite Brut erfolgt, hängt von den örtlichen Bedingungen ab. In Mitteleuropa bleibt es meist bei einer Jahresbrut. Geht ein frühes Gelege verloren oder beginnt die erste Brut außergewöhnlich früh und das Nahrungsangebot bleibt günstig, kann jedoch eine Ersatz- oder gelegentlich auch eine zweite Brut stattfinden. Das beobachtete Familienverhalten spricht daher zunächst für eine erfolgreich verlaufene Brut, deren wichtigste Aufgabe nun darin besteht, die beiden Jungvögel sicher bis zur Flugfähigkeit zu begleiten.
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