Ich bin Mitte April im Murnauer Moos unterwegs, eigentlich mit einer klaren Mission: endlich den Weißrückenspecht (Dendrocopos leucotos) auch mal in den bayrischen Alpen zu sehen. Die Sonne steht schon recht hoch, es riecht nach feuchtem Boden und frischem Grün, und überall zwitschert es. Ich bleibe immer wieder stehen, schaue in die Baumkronen, lausche. Noch nichts. Während ich erneut die Fichtenköpfe absuche, höre ich plötzlich hinter mir ein Klopfen. Sofort bin ich hellwach. Jeder Specht hier könnte der Gesuchte sein.
Das Laub eines niedrigen Baumes ist so dicht, dass ich kaum etwas erkennen kann. Erst durch eine kleine Lücke zwischen den Blättern sehe ich Bewegung: ein Specht, der am Stamm arbeitet. Aber welcher? Ich drücke mehrfach auf den Auslöser, in der Hoffnung, später auf den Bildern mehr zu erkennen. Ein trockener Zweig fällt zu Boden, der Vogel rückt ein Stück weiter und hackt erneut in morsches Holz. Offenbar hat er eine ergiebige Stelle gefunden. Ich wechsle vorsichtig meinen Standort, bekomme einen besseren Winkel. Jetzt sehe ich es deutlich: Der Specht verschwindet mit dem Kopf tief im Holz, zieht ihn wieder heraus, klopft weiter. Und dann wird es klar. Weiß gebänderter Rücken, eine ausgiebig rote Kappe und eine beige-rosa gestrichelte Brust. Ein Weißrückenspecht! Ich kann es kaum glauben.
Der Weißrückenspecht gilt als die seltenste Spechtart Mitteleuropas. Diagnostisch sind die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Zeichnung des Rückens sowie die fein gestrichelte Unterseite. Männchen tragen eine rote Kopfplatte, während Weibchen eine schwarze Oberseite des Kopfes aufweisen. Die Art ist eng an strukturreiche Laub- und Mischwälder gebunden, insbesondere an Bestände mit hohem Anteil an Alt- und Totholz. Diese Strukturen bieten eine hohe Dichte an holzbewohnenden Insektenlarven, die die Hauptnahrungsquelle darstellen. Ihm wird weiterhin eine Vorliebe für Hänge mit einer süd-westlichen Exposition nachgesagt. Auch die dadurch relativ höheren Temperaturen könnten seiner Beute besonders zusagen.
Das Murnauer Moos stellt als eines der größten zusammenhängenden Moorgebiete Mitteleuropas ein besonderes Habitatmosaik dar. Neben offenen Streuwiesen und Torfmoosen finden sich inselartig eingestreute Gehölzbestände, darunter auch ältere Laubwaldfragmente mit Birke (Betula pendula), Erle (Alnus glutinosa) und vereinzelten Buchen (Fagus sylvatica). Gerade diese Übergangsbereiche mit hoher Feuchtigkeit und abgestorbenem Holz sind für den Weißrückenspecht ökologisch relevant. Eigentlich ist die Art in Mitteleuropa an montane bis subalpine Wälder gebunden, fühlt sich aber im Murnauer Moos offensichtlich sehr wohl. Die Meldungen aus dem Bereich sprechen eine eindeutige Sprache.
Im jahreszeitlichen Kontext zeigt der Weißrückenspecht im Frühjahr ein verstärktes Trommel- und Rufverhalten, das der Revierabgrenzung und Partnerfindung dient. Die Aktivität ist besonders in den Morgenstunden hoch. Mitte April befindet sich die Art typischerweise bereits in der Brutvorbereitungsphase, wobei geeignete Höhlenbäume ausgewählt oder neu gezimmert werden. Die intensive Bearbeitung von morschem Holz, wie ich sie beobachte, steht häufig im Zusammenhang mit Nahrungssuche, kann aber auch der Höhlenanlage dienen.
Innerhalb des Murnauer Mooses sind die besten Beobachtungsbereiche jene Randzonen, in denen sich feuchte Waldstücke mit hohem Totholzanteil befinden. Besonders erfolgversprechend sind ruhig gelegene Wegeabschnitte mit geringer Frequentierung sowie Bereiche mit abgestorbenen Stämmen und stehendem Totholz. Geduld und ein geschultes Gehör sind entscheidend, da die Art oft eher akustisch als visuell entdeckt wird.
Das gilt besonders für die bayrischen Alpen. Auch in Österreich ist der Weißrückenspecht zu Hause und findet dort noch mehr Gebiete, die ihm von der Naturausstattung zusagen. Umso weiter man nach Osten – teils auch nach Südosten kommt – desto „einfacher“ wird es, ihn zu sehen und zu fotografieren. So war ich mit einem Paar des Weißrückenspechtes in der Slowakei sehr erfolgreich. In Estland zum Beispiel ist der Weißrückenspecht häufiger als der Buntspecht zu sehen. Dort findet man ihn auch in alten Parks.
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