Die Kurzschnabelgans und „1 Jahr Vogelfrei“

Wenn Sie den Kinofilm „The Big Year“ (im deutschen: „1 Jahr Vogelfrei“) aus dem Jahr 2011 gesehen haben, erinnern Sie sich wahrscheinlich an die Suche des Schauspielers, den Jack Black zusammen mit Owen Wilson und Steve Martin spielte, die Pink-footed Goose zu finden. Er verpaßt den Vogel auf High Island, Texas und dann wieder in Boston; bevor er ihn schließlich im Dezember an einem warmen Frühlingstag auf einem Berggipfel in Colorado badend zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich hat der Drehbuchautor die im englischen „Pink-footed Goose“ genannte Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) wegen ihres „lustigen“ Namens in dem Movie verwendet. Für europäische Gänsebeobachter schwer einzuschätzen, sind Sichtungen der Kurzschnabelgans in Texas und Colorado nämlich ziemlich unwahrscheinlich.

Die Kurzschnabelgans nistet in Island und Grönland und ist im Winter in Großbritannien und in den Niederlanden zu beobachten. Ansonsten ist man aber auch in Mitteleuropa auf Zufallsbeobachtungen angewiesen. Die Kurzschnabelgans ist zwar nicht so ungewöhnlich, Texas oder Colorado oder Maine. Wer sich gerade 1 Jahr Vogelfrei nimmt, der sollte aber auch mal Helgoland ins Auge fassen, um diese nördliche Gans zu sehen. Für einige Tage – mindestens seit dem 7. September 2020 – hielten sich nämlich eine bzw. zwei Kurzschnabelgänse (Anser brachyrhynchus) auf der Insel auf. Zuerst wurden sie auf der Düne von Helgoland insbesondere um den Golfteich gesehen, dann tauchten sie einzeln oder zusammen vor allem auf dem Oberland auf der Hauptinsel Helgoland auf. Immer wieder waren sie auf einer Kuhweide ruhend anzutreffen. Die Kurzschnabelgans läßt sich immer wieder auch auf der Weide südlich des Fanggartens von Helgoland blicken. Sehr schön ist die rosa Binde vor der schwarzen Schnabelspitze, das blaugrau-überfrorenes Rückengefieder, der insgesamte kompakte Eindruck mit dem kurzen Hals und beim Abflug die breite weiße Endbinde am Schwanz zu sehen.

An einem frühen Morgen im September lief ich am nördlichen Oberland entlang bis zu einer Weide mit Schafen und Rindern. Hier ist eine 5.000 kg Bombe im Krieg eingeschlagen. Etliche kurzgehaltene Sträucher von Hagebutte und Weißdorn bieten Singvögeln Schutz. Plötzlich flog stimmgewaltig die Kurzschnabelgans auf und kam über die Ostklippe angeflogen. Dann kommt sie zum Glück wenig später wieder zurück und landet praktisch direkt vor mir – keine 100 m – wieder auf der Kuhweide. Mit einer 1/1.250 sec. kann ich mit 14 Bildern/ sec. mit dem Canon EF 600mm f/4L IS II USM Objektiv an der Canon EOS 1DX Mark III fotografieren. Der Landeanflug ist nun sehr schön zu fotografieren. So werden auch die charakteristischen Merkmale dieser Gänseart im Flug sichtbar. Das fotografierte Individuum war zumindest unberingt, sodaß die Kurzschnabelgans absolut „twitchable“ war.

Ansonsten ist man auf Meldungen von Kurzschnabelgänsen (Anser brachyrhynchus) in Trupps mit Graugänsen (Anser anser), Saatgänse (Anser fabalis) und Bläßgänsen (Anser albifrons) angewiesen. So auch in der Feldflur südlich von Schlepzig bei Lübben im Spreewald im Januar 2015.

Man sollte sich aber auf geduldiges Durchsuchen der Trupps mit dem Spektiv bei teils sehr windigem Wetter bei Graupel- und Schneeschauern einstellen. Häufig ist es so, daß – gerade, wenn ich durch das Spektiv schauen will – die Gänse ohne Hast, aber zügig in mehreren Trupps abfliegen und auf der anderen Straßenseite landen. Sorgsam beobachtend kann man dann vielleicht auch mal eine Weißwangengans (auch Nonnengans genannt), Branta leucopsis oder einige Waldsaatgänse (Anser fabalis fabalis) sehen.

Als ein sicheres Merkmal wird in Feldführern die die Farbe der Beine genannt. Nicht immer ist aber die Farbe gut einzuschätzen. Ein Problem, das in manchen Beobachtungssituationen immer wieder auftritt – besonders im Gegenlicht. So rosa im Vergleich zum Orange der Beine der Saatgänse wirken die Beine der Kurzschnabelgänse nämlich nicht. Hat man Kurzschnabelgänse identifiziert, kann man sich auch weiteren Merkmalen widmen. So scheint einem dann auch der Mantel eine Spur grauer, eher blaugrau, im Vergleich zu Saatgänsen zu sein.

Von Berlin ist Schlepzig mit dem Auto 84 km entfernt und dürfte in ungefähr einer Stunde zu erreichen sein. Der Ort Schlepzig (Slopišća) liegt ca. 12 km nördlich von Lübben und gilt als Zentrum des Unterspreewaldes.

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