2 Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) streiten sich auf einem Betonkai in einem runtergekommenen Hafenkomplex. Warum sie sich streiten ist nicht klar, aber daß sie mindestens eines gemeinsam haben, ist anzunehmen. Es sind Zugvögel, die beide hier eine Zwischenrast einlegen.
Ich komme mit gemischten Gefühlen an der südlichen Schwarzmeerküste an. Die Küste ist belebt, voller Siedlungen, Straßen und Industrie. Die meisten natürlichen Feuchtgebiete wurden trockengelegt oder überbaut, und was übrig geblieben ist, ist oft von Schutt und Plastik umgeben. Doch in diesen wenigen verbliebenen Wasser- und Schlammflecken wimmelt es noch von Leben. Ich rechne mit Watvögeln – kleine Gruppen ziehen durch und rasten im seichten Wasser, bevor sie ihre lange Reise fortsetzen. Und ich frage mich: Wenn diese Lebensraumfragmente noch existieren, warum sollten sie dann nicht genauso wertvoll sein wie die großen Feuchtgebiete anderswo? Für die Vögel zählt jeder sichere Rastplatz.
Aus ornithologischer Sicht liegt die türkische Schwarzmeerküste an einer wichtigen Zugroute, die Watvögel zwischen eurasischen Brutgebieten und Überwinterungsgebieten in Afrika, dem Nahen Osten und Südasien kanalisiert. Die wenigen Feuchtgebiete hier dienen den Vögeln als wichtige Rastplätze, an denen sie neue Energie tanken können. Arten wie Flussuferläufer, Zwergstrandläufer (Calidris minuta) und Waldwasserläufer (Tringa glareola) sind häufige Durchzügler und suchen zur Nahrungsaufnahme flache, schlammige Ufer und störungsarme Zonen auf. Im Herbst können auch größere Arten wie die Uferschnepfe (Limosa limosa) und der Große Brachvogel (Numenius arquata) erscheinen.
Die meisten dieser Arten brüten in den borealen oder gemäßigten Zonen Eurasiens und bewohnen Tundra, Taiga-Feuchtgebiete oder gemäßigte Grasländer. Ihre Wanderung nach Süden führt sie über weite Strecken, und ihre Lebensraumansprüche während der Zwischenstopps sind einfach, müssen aber streng eingehalten werden: flaches Wasser, freiliegender Schlamm und relative Sicherheit vor Störungen. An der stark urbanisierten türkischen Schwarzmeerküste werden solche Orte immer seltener. Die noch verbleibenden Feuchtgebiete – oft Flussmündungen, kleine Lagunen oder unbewirtschaftete Überschwemmungsgebiete – gewinnen überproportional an Bedeutung.
Das Fortbestehen der Watvögel in dieser Landschaft zeigt ihre Anpassungsfähigkeit, aber auch ihre Verletzlichkeit. Ruderale oder degradierte Gebiete, so unattraktiv sie für das menschliche Auge auch erscheinen mögen, können ausreichend Nahrung in Form von Wirbellosen bieten. Doch wenn diese Lebensräume vollständig unter Beton verschwinden, schwächt das die Migrationskette. Der Rückgang von Arten wie dem Sumpfstrandläufer (Calidris falcinellus) und dem Sichelstrandläufer (Calidris ferruginea), beides regelmäßige, aber mittlerweile seltenere Zugvögel, spiegelt den wachsenden Druck auf die Rastplätze entlang der Zugroute wider.
Für Vogelbeobachter ist die Botschaft klar: Ein Besuch dieser letzten natürlichen Rückzugsgebiete entlang der türkischen Schwarzmeerküste lohnt sich. Sie bieten nicht nur hautnahe Begegnungen mit vielen verschiedenen Watvögeln sondern tragen auch zum Verständnis bei, wie die Migration unter dem starken menschlichen Druck fortbesteht. Große Watvogelschwärme wird man allerdings vergeblich suchen. Für die Vögel selbst ist jeder Zwischenstopp eine Frage des Überlebens. Die kleinen Feuchtgebiete, so übersehen sie auch sein mögen, können die einzige Lebensader auf einer langen und gefährlichen Reise sein.
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