An einem ruhigen Strandabschnitt Brasiliens, früh am Morgen, bevor Sonnenschirme und lautes Geschrei die Szenerie beherrschen, spaziere ich mit meiner Kamera am Ufer entlang. Neben einigen üblichen Küstenvögeln entdecke ich einen kleinen, hellen Watvogel, der unweit der Wasserlinie steht. Er hält inne, läuft ein paar Schritte und bleibt dann wieder stehen, aufmerksam und wachsam. Viele Strandbesucher würden ihn achtlos übersehen, doch für einen begeisterten Vogelbeobachter wie mich ist dieser Moment ein besonderes Erlebnis. Es handelt sich um den Wilsonregenpfeifer (Anarhynchus wilsonia oder älter: Charadrius wilsonia), ein unerwartetes, aber unauffälliges und dennoch wichtiges Mitglied der brasilianischen Küstenavifauna. Wilsonregenpfeifer sollen regelmäßig entlang eines Großteils der brasilianischen Küste vorkommen, insbesondere im Nordosten – doch ich hatte ihn im Südwinter (Nordsommer) im August hier in Brasilien nicht erwartet.
In Brasilien gilt er als Küstenbrutvogel, obwohl die Populationsdichte regional variiert. Die Art wird häufiger im Nordosten Brasiliens beobachtet, unter anderem in Bundesstaaten wie Ceará, Maranhão, Pará und Rio Grande do Norte, wo es ausgedehnte, offene Sandlebensräume gibt. Beobachtungen entlang der Südostküste bis hinunter nach Bahia sind seltener, aber regelmäßig, insbesondere in Schutzgebieten oder weniger gestörten Regionen. Aktuelle Nachweise aus Rio de Janeiro und São Paulo fehlen.
Im Gegensatz zu einigen nearktischen Watvögeln, die nur während des Vogelzugs oder außerhalb der Brutzeit auftreten, ist der Wilson-Regenpfeifer ganzjährig in Teilen Brasiliens anzutreffen. Dieses kontinuierliche Vorkommen deutet darauf hin, dass die brasilianischen Populationen entweder Standvögel sind oder Teil regionaler Wanderungen über kurze Distanzen innerhalb Südamerikas darstellen.
Daher verwundert es umso mehr, daß ich einen wissenschaftlichen Bericht über die Brut des Wilson-Regenpfeifers mit neuen Fundorten in Brasilien im Internet gefunden habe, der erst aus dem Jahr 2020 datiert. Der Bericht erwähnt den ersten gesicherten Brutnachweis dieser Art auf der Insel Coroa do Avião an der Küste von Pernambuco sowie in der Mündung der Flüsse Cardoso und Camurupim an der Küste von Piauí im Nordosten Brasiliens. Laut dem Artikel erweitert dies das bekannte Brutgebiet dieser Art in dieser Region. Ein Brutpaar wurde am 29. Oktober 2014 auf der Insel Coroa do Avião beobachtet, ein zweites am 6. April 2016 in der Mündung des Cardoso/Camurupim an der Küste von Piauí. Die Sichtung dieses Regenpfeifers am Strand „Praia da Corvina“ in Salídopolis im Bundesstaat Pará könnte ein seltener Beitrag zum Verbreitungsmuster des Wilson-Regenpfeifers in Brasilien sein.
Die saisonalen Schwankungen in der Populationsdichte des Wilson-Regenpfeifers sind subtil, aber erkennbar. Im südlichen Frühling und Sommer, der der Brutzeit entspricht, sind die Vögel territorialer und werden häufig paarweise beobachtet. Sie nisten typischerweise direkt auf sandigem Untergrund, was die Beobachtung erschwert und die Anfälligkeit für Störungen erhöht.
Im südlichen Herbst und Winter können sich die Vögel zu kleinen, lockeren Gruppen zusammenschließen und ihr Nahrungsgebiet entlang von Stränden und Flussmündungen ausdehnen. Obwohl die Gesamtzahlen außerhalb der Brutzeit höher erscheinen mögen, spiegelt dies wahrscheinlich eher eine erhöhte Sichtbarkeit als ein tatsächliches Populationswachstum wider.
Der Wilson-Regenpfeifer bevorzugt offene, spärlich bewachsene Küstenlebensräume. Typische Lebensräume sind Meeresstrände, Sandbänke, Dünengebiete und sandige Uferbereiche von Küstenlagunen und Flussmündungen. Die Art meidet dicht bewachsene Küsten und Felsküsten.
Wichtige Lebensraummerkmale sind trockener Sand oberhalb der Hochwasserlinie zum Nisten und nahegelegener nasser Sand oder flaches Wasser zur Nahrungssuche. Menschliche Störungen, insbesondere durch Freizeitaktivitäten am Strand, Geländefahrzeuge und Küstenbebauung, stellen eine erhebliche Herausforderung dar. Da die Nester flache Mulden mit minimaler Tarnung sind, werden sie leicht zertreten oder zerstört.
Innerhalb der Küstenvogelgemeinschaften nimmt der Wilson-Regenpfeifer eine mittlere ökologische Rolle ein. Er ernährt sich hauptsächlich von kleinen Wirbellosen wie Krebsen, Insekten und Weichtieren und trägt so zur Regulierung der Wirbellosenpopulationen im Gezeitenbereich bei. Sein Nahrungssuchverhalten überschneidet sich mit dem anderer kleiner Regenpfeifer, wie beispielsweise des Schlankschnabel-Regenpfeifers (Charadrius collaris oder Anarhynchus collaris), jedoch unterscheiden sich seine ökologischen Nischen durch die Größe seiner Beutetiere und die Nutzung von Mikrohabitaten.
Das Vorkommen des Wilson-Regenpfeifers ist oft ein Indikator für relativ intakte Strandökosysteme. Wo er vorkommt, sind häufig auch andere empfindliche Watvogelarten anzutreffen.
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