Im Morgengrauen erwacht der Wald um Iguazú in einem Klangwirrwarr. Das gar nicht so ferne Rauschen der Iguazú-Wasserfälle vermischt sich mit Pfeifen, Rasseln und leisen Rufen im Blätterdach. Für Vogelliebhaber ist dies ein unmittelbares und persönliches Erlebnis. Im einem Moment scheint der Wald still, im nächsten huscht ein grüner oder purpurroter Farbtupfer durch das Laub. Auf den Wanderwegen des Iguazú-Nationalparks in Argentinien wird deutlich, dass diese Landschaft nicht nur für ihre Wasserfälle berühmt ist. Sie ist einer der wichtigsten Vogellebensräume Südamerikas.
Die Iguazú-Region kann zur Mata Atlântica zugehörig betrachtet werden. Die Mata Atlântica (deutsch Atlantischer Regenwald) im Oberen Paranáwald, ist ein subtropisches Biom, das sich durch dichten immergrünen Wald, eine vielschichtige Kronenstruktur und eine extrem hohe Artenvielfalt auszeichnet. Die jährlichen Niederschläge sind reichlich und gleichmäßig verteilt und sorgen für ein feuchtes Klima, das ein komplexes ökologisches Netzwerk ermöglicht. Die Vegetation reicht von über 30 Meter hohen, aus dem Wald ragenden Bäumen bis hin zu dichtem Unterholz und epiphytenreichen Ästen. Diese vertikale Schichtung schafft zahlreiche ökologische Nischen und ermöglicht so einer bemerkenswerten Vielfalt an Vogelarten das Zusammenleben auf relativ kleinem Raum. Nationalpark Iguazú in Argentinien beherbergt zusammen mit dem auf brasilianischer Seite liegenden Iguaçu-Nationalpark 83 Arten, die endemisch für die Mata Atlântica sind.
Die Vogelwelt im Iguazú-Biom spiegelt diese strukturelle Komplexität wider. Zu den Spezialisten der Baumkronen zählen der Rotkehlkotinga (Pyroderus scutatus) und der Surucuatrogon (Trogon surrucura), während Insektenfresser der mittleren Baumschicht wie der Wechselameisenwürger (Thamnophilus caerulescens) sich lautlos durch dichtes Laub bewegen. Der Atlantische Schwarzkehl-Trogon (Trogon chrysochloros) ist einer der charakteristischen Trogone dieses Waldtyps und häufig in alten Wäldern und schattigen Schluchten anzutreffen. Beobachtungen legen nahe, dass diese Art Gebiete mit intaktem Kronendach und vielen fruchttragenden Bäumen bevorzugt, was ihre Abhängigkeit von stabilen Waldmikrohabitaten verdeutlicht.
Mehrere in Iguazú vorkommende Arten erreichen dort die südliche Grenze ihres Verbreitungsgebiets. Beispiele hierfür sind der Bunttukan (Ramphastos dicolorus), der Schwarzmaskenguan (Pipile jacutinga) und der Scharlachkopfspecht (Campephilus robustus). Ihr Vorkommen belegt die biogeografische Verbindung zwischen dem Atlantischen Regenwald Brasiliens und den Restwäldern im Nordosten Argentiniens. Iguazú fungiert somit als Übergangszone, in der sich tropische und subtropische Vogelwelten überschneiden.
Die Bedeutung dieses Bioms für die argentinische Vogelwelt liegt in seiner Rolle als größtes verbliebenes Fragment des Atlantischen Regenwaldes des Landes. Während sich dieser Wald einst über Ostparaguay, Südbrasilien und Nordargentinien erstreckte, wurde er größtenteils durch Landwirtschaft und städtische Bebauung ersetzt. Die Schutzwälder von Iguazú bewahren essenzielle Brutgebiete für zahlreiche waldabhängige Arten, die in fragmentierten Landschaften nicht überleben können.
Für die Ornithologie Argentiniens stellt Iguazú daher sowohl ein Refugium als auch ein biologisches Archiv dar. Es beherbergt Populationen spezialisierter Waldvögel, deren ökologische Bedürfnisse unter anderem ein geschlossenes Kronendach, feuchte Mikroklimate und eine vielfältige Pflanzenwelt umfassen. Ohne dieses Biom würde ein bedeutender Teil der tropischen Vogelwelt Argentiniens verschwinden.
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