Erfahrungsbericht Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM – Vorgänger vom S

Sigma_120-300_blauDer ein oder andere hat vielleicht meine Erfahrungsberichte u.a. zum Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM oder zu den EOS 1– Profikameras schon gelesen. Mein neuestes Objektiv ist das Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM, der Vorgänger vom jetzigen S (für Sport).

Während beim Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM vor allem die Möglichkeit der vielfältigen Nutzbarkeit – vor allem auf Reisen – im Vordergrund stand, hatte ich mich in Vorbereitung auf den Kauf des Sigma insbesondere nach einer lichtstarken Linse für die „grenzwertigen“ Fotografiersituationen umgeguckt. Ich bin Vogelfotograf, der sich auf das Ablichten möglichst vieler Vogelarten für wissenschaftliche Zwecke spezialisiert hat und daher nicht nur bei Sonnenschein unterwegs ist.

Auch hier habe ich meine Bedürfnisse genau geprüft. In der letzten Zeit – u.a. bei einem Aufenthalt bei Ole Martin Dahle nahe Trondheim in Norwegen – habe ich doch etliche Stunden in Fotoverstecken und Hides verbracht. Anders als beim Reisen im Gebirge auf 2500m NN oder im Regenwald spielt Gewicht beim Ansitz nicht eine so Rolle. Wenn man nicht mit dem Flugzeug anreist, hat man auch kein Probleme bzgl. des Fluggepäcks. Ein Bildstabilisator (Image Stabelizer), der die Möglichkeiten der Freihandfotografie um einige Belichtungsstufen nach unten erweitert, wäre schön, wenn dieses Feature auch kein KO-Kriterium war. Immerhin sollte der Bildstabilisator den Verzicht auf ein festes Stativ oder einen festinstallierten Kopf ermöglichen. Wichtiger war, daß das neue lichtstarke Tele-Zoomobjektiv über ein witterungsbeständiges Design verfügt und sich insbesondere an feuchten Tagen und niedrigen Temperaturen (auch bei Schnee und Regen) nicht mit (Kondens-)Feuchtigkeit vollpumpt. Das Zoom mußte unbedingt auch unter rauen Bedingungen eingesetzt werden können.

Ich entschied mich dann für das Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM. Auf einen Sigma-Konverter verzichtete ich, da ich für den Notfall bereits über einen Canon Extender EF 1.4x II und einen EF 2.0x III verfüge. Außerdem war das Objektiv nicht als Ersatz für ein 600er im Tierpark gedacht.

Nach gut 1 Monat in Gebrauch und meinem ersten Ansitz über einen ganzen Tag bei Wolf-Dieter Peest (s. Bericht  ) bei Minustemperaturen und anständig Schnee kann ich folgendes vorläufige Resümee ziehen:

Die Entscheidung für das Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM war richtig. Früher hat man mit der 600er Linse im Hide gesessen und sich gefragt, welches Zweitobjektiv man jetzt an die Zweitkamera flanscht. Soll man das Canon 70-200/4,0 L IS USM mit seiner hervorragenden Auflösung nehmen oder das Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM mit seiner längeren Brennweite aber geringeren Variabilität verwenden? In diesen Zwiespalt paßt das Sigma 120-300 f 2.8 mit seiner höheren Lichtstärke und Flexibilität perfekt hinein. Man hat die Lichtstärke – wenn man sie denn braucht – , hat die Flexibilität des Zooms von Singvogelaufnahmen am Feeder auf fliegenden Bussarde zu wechseln und kann mit immer noch sehr guten Ergebnissen mit Hilfe des Canon Extender EF 1.4x II aus dem Sigma 120-300 f 2.8 in der Endbrennweite ein Sigma 170-420 f 4.0 machen. Bei offener Blende hat man außerhalb der Schärfeebene ein sehr angenehmes Bokeh. Das Objektiv ist sowohl innenfokussiert als auch innengezoomt, wodurch sich weder beim Scharfstellen noch beim Zoomen Veränderungen in der Baulänge ergeben. Aus den Suchschlitzen eines Hides eine wichtige Eigenschaft.

Das Sigma scheint ein robustes, witterungsbeständiges Design aufzuweisen. Trotz insgesamt gut 8 Stunden bei Minusgraden an einem verschneiten Winteransitz konnte ich keinerlei optische und/oder mechanische Beeinträchtigungen feststellen. Ganz anders als bei einem Ansitz in Norwegen, wo ein lieber norwegischer Kollege wegen der zunehmenden Kondensablagerungen sein AF-S NIKKOR 200–400 mm 1:4G ED VR II schließlich vom Stativkopf schrauben mußte. Das beim Ansitz auf Steinadler ist sicher der Worst Case eines jeden ernsthaften Fotografen.

Über die optischen Leistungen will ich mich nicht weiter auslassen. Dazu ist im Internet mehr als genug geschrieben worden. Ich habe nur mal 2 Aufnahmen bei weitgehend vergleichbaren Aufnahmebedingungen  (mantelnder Mäusebussard (Buteo buteo) ) in die Galerie gestellt. Ansonsten habe ich noch nicht so viele Bilder, die die Detailschärfe des Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM im Vergleich zu anderen Objektiven zeigen würden. Ich verweise hier auf die m.E. überzeugenden Aufnahmen im DFORUM.

Aufnahmen in fortgeschrittener Dämmerung scheinen aber durchaus eine Domäne des Objektivs zu sein. Die Lichtstärke macht es möglich.

Knapp 3 Kg (genau 2980g) Gewicht, 28,9cm Länge und 105mm Frontlinsendurchmesser sind natürlich schon mal eine Hausnummer. Richtig handlich geht anders – zumindest wenn man die 2 Kg des Canon 400mm f4 DO gewohnt ist. Außerdem scheint das Sigma deutlich ungünstiger ausbalanciert – eher frontlastig – zu sein. Da ist das Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM doch eine ganz andere Linse. Für Freihandaufnahmen m.E. durch die o.a. Einschränkungen also eher nicht so toll. Eine weitere Einschränkung für ungetrübte Freihandaufnahmen ist der etwas schwergängige Zoomring. Das hat sicher auch Vorteile, weil man im Ansitz nicht so schnell unvorsichtigerweise den Ausschnitt verstellt, aber ein Ändern der Brennweite während einer Aufnahmeserie ist nicht so ein Kinderspiel wie z.B. beim Canon 70-200/4,0 L IS USM.

Der Autofokus in Kombination mit dem Canon 1D X oder auch der Mk IV überzeugt sowohl in der Schnelligkeit als auch der Genauigkeit. Der Hyper Sonic Motor (HSM) genannte Autofokusantrieb sorgt für einen schnellen und recht leisen Autofokus, der im Kontrast zum Werbeversprechen „nahezu lautlos“ aber doch noch deutlich hörbarer als der in den EF-Objektiven der 2. Generation von Canon ist. Es sind beeindruckend viele und gute, scharfe Aufnahmen auch von Flugaufnahmen dabei (Großvögel wie Reiher/ Bussarde sehr gut; Singvögel so na,na). Was fehlt – das sollte nicht verheimlicht werden – ist ein Fokus-Begrenzer, der beim Ansitz aber auch so seine Tücken hat.

Ein Punkt, der schon thematisiert wurde und auch von Wolf-Dieter Peest bereits im März 2012 angeschnitten wurde, ist der Umstand, daß die Brennweite bei nominal 300mm abbildungstechnisch nicht eingehalten wird. Während ein Canon EF 300mm f/2,8 L IS USM als echte Festbrennweite auch echte 300mm abbildet, schafft das Sigma bei gleicher Aufnahmedistanz deutlich weniger. Ob es höchstens 260mm oder doch 280mm sind, habe ich noch nicht ausgetestet.

Wie ich aber schon geschrieben habe, ist das auch nicht das Kriterium für mich. Wenn es auf jeden Millimeter ankommt, nehme ich sowieso mein 600er.

Es wäre natürlich schön, wenn das Objektiv – am besten mit aufgesetzter Sonnenblende – in einen überschaubaren Rucksack passen würde, falls man doch mal mit kleinem Gepäck durch den dunklen Tann wandert und jederzeit schußbereit sein will. Eine Kombination des Sigma mit dem Canon ESO 1 DX paßt perfekt – natürlich nicht mit angesetzter Gegenlichtblende – in den Lowe Pro Flipside 300. Ein ähnlicher Wermutstropfen wie beim Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM.

Gut ist, daß die Gegenlichtblende im Transportmodus den Zugriff auf die Einstellungsschalter – und natürlich – den manuellen Fokuseingriff nicht behindert. Das ist mal ein echter Vorteil gegenüber dem Canon EF 400mm f/4.0 DO IS USM.

Als Nachteile werden (ggf. für eine frühere Serie?!) die Verarbeitungsqualität insgesamt und vor allem die Gegenlichtblende genannt, die recht schlecht verarbeitet sein soll (Lack löst sich ab). Das kann ich für mein Sigma nicht bestätigen. Auch von wackeligen Schaltern für AF und Bildstabilisator kann ich nicht berichten. Es stimmt schon, die relativ dünnwandige Kunststoffstreulichtblende macht im Vergleich zu den Blenden von Canon keinen “wertigen” Eindruck und muss überdies sorgsam auf das Bajonett geschraubt werden. Dafür sorgt ihr geringes Gewicht wenigstens dafür die Frontlastigkeit nicht noch weiter ausufern zu lassen. Ein Kunststoffdeckel mit Schnappverschluß ist übrigens – im Gegensatz zu Canon – vorhanden und schützt die teure Frontlinse (wenn der Deckel sich nicht von alleine im Rucksack löst!)

Update 2014-04-19:

Ein Thema, das in den Foren diskutiert wird, stellte sich auch bei mir als Problem heraus. Der Autofokus in der Canon EOS 1 DX fokussierte auf einen anderen Punkt als es im Display angezeigt wurde. Der eigentliche Fokuspunkt – in einer Entfernung von 8 Metern mit meiner Canon EOS 1 DX getestet – lag ca. 2 cm hinter dem Objekt. In der Fotografie von Vögeln kann dies den Unterschied zwischen einem Bild und einem knackig-scharfen Bild machen. So beschloss ich, das neu-erworbene Sigma direkt in Rödermark bei SIGMA Deutschland reparieren zu lassen. Die Mitarbeiter waren sehr freundlich und das Verfahren sehr professionell. 5 Tage nach der Ablieferung in Rödermark bei SIGMA Deutschland hatte ich das Objektiv auf dem Postweg zurück. Ich war dringend auf das Objektiv angewiesen, weil ich zur Fotografie auf Waldvögel in die Slowakei fahren wollte.  Aus einem Hide mitten im Wald heraus, weiß man die Vorzüge eines lichtstarken Zooms zu schätzen. Ich denke, die Ergebnisse rechtfertigen den Aufwand. Alle Fotos des Haselhuhns wurden mit dem Sigma 120-300 f 2.8 EX DG APO OS HSM geschossen.

Wie ich oben schon sagte, bin ich bisher sehr zufrieden mit dem Sigma. Gebraucht wird diese Serie nun zu recht attraktiven Konditionen angeboten. Ob das Preis-/Leistungsverhältnis paßt muß jeder selber anhand seiner Anwendungsgebiete und seiner finanziellen Möglichkeiten prüfen.

2 thoughts on “Erfahrungsbericht Sigma 120-300 f 2.8 APO EX DG OS HSM – Vorgänger vom S”

  1. Hallo Herr Kleinschmidt,
    Ich plane langfristig mit dieses Objektiv anzuschaffen. In Foren wurde ich aber nun mehrmals auf Autofokus Probleme und Defekte aufmerksam gemacht. Ist ihnen dazu etwas bekannt?
    Des weiten, haben sie Erfahrung wie sich die Linse an einer hoch auflösenden APS-C Kamera (Canon 80D) schlägt?

    Mit freundlichen Grüßen
    Mario Stöckl

    1. Hallo Herr Kleinschmidt,

      Ich hatte ja bereits auf die in den Foren diskutierten Probleme hingewiesen. Als ich das Objektiv gebraucht kaufte, fokussierte der Autofokus in der Canon EOS 1 DX auf einen anderen Punkt als es im Display angezeigt wurde. Der eigentliche Fokuspunkt – in einer Entfernung von 8 Metern mit meiner Canon EOS 1 DX getestet – lag ca. 2 cm hinter dem Objekt. Ich beschloss, das neu-erworbene Sigma direkt in Rödermark bei SIGMA Deutschland reparieren zu lassen. Die Mitarbeiter waren sehr freundlich und das Verfahren sehr professionell. 5 Tage nach der Ablieferung in Rödermark bei SIGMA Deutschland hatte ich das Objektiv auf dem Postweg zurück.
      Wie ich oben schon sagte, bin ich bisher sehr zufrieden mit dem Sigma. Ich verwende es wegen der auch genannten etwas unpraktischen Gewichtsverteilung fast nur vom Stativ wenn die hohe Lichtstärke auch gebraucht wird – also u.a. bei den Fotos von dem Habichten (http://www.bird-lens.com/photos-2/goshawk-with-canon-eos-5-d-mark-iii/ ).
      Wie sich die Linse an einer hoch auflösenden APS-C Kamera (Canon 80D) schlägt, kann ich nicht sagen, da ich nur mit der EOS 1 DX oder der EOS 5 Mark III arbeite.

      Mit freundlichen Grüßen
      J. Kleinschmidt

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