Junge Kohlmeisen nach dem flügge-werden

Noch folgen die blass-gefärbten jungen Kohlmeisen (Parus major) den Eltern auf dem Fuße. Sie erwarten sich Nahrung, die die Mutter für sie fängt. Diese jedoch zeigt sich unbeeindruckt. Und so müssen sie sich selber behelfen. Im Bild des Blogs sieht man eine junge Kohlmeisen, die sich schon mal mit dem Beuteerwerb beschäftigt, während ihr Geschwister zuschaut. Wer im Frühsommer aufmerksam durch den Garten geht, kann ein interessantes Schauspiel beobachten. Zwischen Sträuchern und Ästen hüpfen junge Kohlmeisen umher, verfolgen ihre Eltern auf Schritt und Tritt und machen lautstark auf sich aufmerksam. Mit zitternden Flügeln, weit geöffnetem Schnabel und unüberhörbaren Bettelrufen fordern sie Futter ein. In den ersten Tagen nach dem Ausfliegen funktioniert diese Strategie hervorragend. Doch schon bald ändert sich das Verhalten der Altvögel. Die scheinbar herzlose Reaktion auf das Betteln markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt im Leben der jungen Vögel.

Unmittelbar nach dem Ausfliegen sind junge Kohlmeisen zwar flugfähig, jedoch noch nicht in der Lage, sich vollständig selbst zu versorgen. Die Eltern übernehmen weiterhin die Nahrungsbeschaffung und füttern ihren Nachwuchs über mehrere Tage hinweg. Während dieser Phase lernen die Jungvögel ihre Umgebung kennen, verbessern ihre Flugtechnik und entwickeln zunehmend koordinierte Bewegungsabläufe.

Mit fortschreitendem Alter beginnt jedoch die Entwöhnungsphase. Die Altvögel reduzieren die Fütterungen schrittweise und reagieren immer seltener auf die Bettelrufe ihrer Jungen. Selbst wenn diese weiterhin mit flatternden Flügeln und geöffnetem Schnabel Nahrung verlangen, bleiben die erhofften Futtergaben häufig aus. Dieses Verhalten stellt keinen Mangel an Fürsorge dar, sondern erfüllt eine wichtige biologische Funktion. Die Jungvögel werden dadurch gezwungen, eigene Erfahrungen bei der Nahrungssuche zu sammeln.

In dieser Lernphase untersuchen junge Kohlmeisen nahezu alles, was ihnen begegnet. Sie picken an Blättern, Zweigen, Samenständen und Baumrinden. Nicht jeder Versuch führt unmittelbar zu einer erfolgreichen Nahrungsaufnahme. Oft landet zunächst lediglich ein trockenes Stück Rinde im Schnabel. Dennoch besitzen solche Erfahrungen einen hohen Lernwert. Die Vögel trainieren ihre Wahrnehmung, ihre Geschicklichkeit und die Fähigkeit, potenzielle Nahrung von ungeeigneten Objekten zu unterscheiden.

Der Unterschied zu den ersten Tagen nach dem Ausfliegen ist deutlich erkennbar. Während die Jungvögel zunächst überwiegend passive Empfänger elterlicher Fürsorge sind, entwickeln sie sich nun zu aktiven Nahrungssuchern. Die Verantwortung für die eigene Versorgung verlagert sich schrittweise von den Eltern auf die Nachkommen. Dieser Übergang erfolgt nicht abrupt, sondern über zahlreiche kleine Lernschritte.

Die Entwöhnung besitzt eine zentrale Bedeutung für das Überleben. Nur Jungvögel, die rechtzeitig lernen, Insekten, Spinnen, Raupen oder andere geeignete Nahrungsquellen selbstständig zu finden, können langfristig erfolgreich sein. Die vorübergehende Verweigerung weiterer Fütterungen fördert daher die Entwicklung lebenswichtiger Fähigkeiten.

Für Vogelliebhaber bietet diese Phase faszinierende Einblicke in die Entwicklung junger Kohlmeisen. Hinter jedem neugierigen Blick auf ein Blatt und hinter jedem scheinbar erfolglosen Pickversuch verbirgt sich eine wichtige Lektion. Aus den laut bettelnden Nestlingen werden innerhalb weniger Tage selbstständige Vögel, die lernen, ihren Platz in der Natur aus eigener Kraft zu finden.

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