Als DHL das Paket geliefert hat, muß ich mich beeilen. Nur noch 2 Tage bis zur Abreise nach Kolumbien. Die Einstellungen müssen ordentlich – am besten in Übereinstimmung mit denen der Canon R 5 – gewählt werden, die Tasten und die Räder belegt werden. Vor Ort bei der Vogelfotografie soll mich nichts ablenken (dürfen). So rennt die Zeit bis zum Abflug.
Dann stehe ich am frühen Morgen am Waldrand, Kaffee in der Hand, Fernglas um den Hals. Neben mir steht die neue Canon R1. Auf dem Stativ aber ist die der Canon R 5 an dem Canon EF 400mm f/4 DO IS II USM platziert. Geistig neben mir auch die Erinnerung an Jahre mit der EOS-1D X Mark III, dieser schweren, verlässlichen Kiste, die man blind bedienen konnte. Ich merke, mit der Canon R1 muß ich noch „warm“ werden. Und wie immer stellt sich die gleiche Frage: Ist neu wirklich besser oder nur anders verpackt.
Abseits der persönlichen Szene lohnt sich ein nüchterner Blick. Die Canon R1 positioniert sich klar als neues Flaggschiff für Sport und Natur. Sie ersetzt nicht nur eine Kamera, sondern ein ganzes Arbeitsprinzip. Die 1D X Mark III ist eine klassische DSLR mit optischem Sucher, dediziertem Autofokusmodul und mechanischer Direktheit. Die R1 ist spiegellos, softwaregetrieben und stark von Algorithmen abhängig. Dieser Unterschied prägt vor allem drei Punkte: Augenverfolgung, Steuerung per Iris und Geschwindigkeit.
Vögel im Flug zu fotografieren ist eine der anstrengendsten aber auch erfüllensten fotografischen Herausforderungen. Die Vögel in ihrem Element, dem Flug, festhalten ist zudem häufig die einzige Möglichkeit, diese Vögel überhaupt aus der Nähe fotografieren zu können. In der Luft fühlen sie sich offensichtlich sicherer und kommen deutlich näher an den Fotografen, wie dies auch schon bei Schwalben und Segler-Aufnahmen in Kolumbien aber vor allem bei Kolibris deutlich wird.
Die Augenverfolgung ist das Herzstück der R1. Canon verspricht eine präzisere Erkennung von Tieraugen, insbesondere bei Vögeln im Flug. In der Praxis funktioniert das System beeindruckend gut, solange die Rahmenbedingungen stimmen. Kontrastreiche Augen, freie Sicht auf den Kopf, ausreichend Licht. In diesen Fällen hält der Fokus auch bei hektischen Bewegungen erstaunlich stabil. Im Vergleich dazu wirkt die 1D X Mark III fast altmodisch. Ihr Autofokus ist schnell und zuverlässig, aber er erfordert aktives Mitdenken. Der Fotograf wählt Messfelder, verfolgt Motive manuell und korrigiert permanent. Das ist Arbeit, aber kontrollierte Arbeit.
Problematisch wird die R1 dort, wo der Algorithmus interpretieren muss. Bei stark verdeckten Vögeln, Gegenlicht oder unruhigem Hintergrund springt die Augenverfolgung gelegentlich auf Flügel, Äste oder Kontraste. Für Vogelfotografen, die oft in genau solchen Situationen arbeiten, ist das kein theoretischer Mangel. Die 1D X Mark III ist hier berechenbarer. Sie macht, was man ihr sagt, nicht mehr und nicht weniger.
Die Augensteuerung, die Steuerung mit der menschlichen Iris, ist etwas anderes als die Augenverfolgung. Sie heißt im englischen auch Eye Control AF. Sie ist bekannt aus früheren Modellen wie der R3, ist auch bei der R1 präsent. Sie erlaubt es, den Fokuspunkt durch gezielte Augenbewegung im Sucher zu wählen. Das klingt futuristisch und fühlt sich anfangs auch so an. Nach der Kalibrierung funktioniert es bei vielen Nutzern ganz gut. Solide genug, um die einmal vorgenommene Kalibrierung (ohne Brille) nicht noch einmal für Arbeiten mit aufgesetzter Brille zu wiederholen. Dennoch bleibt es ein System mit Einschränkungen. Brillen, Kontaktlinsen, Müdigkeit, Blätter, Äste, hohe Kontraste oder wechselnde Lichtverhältnisse beeinflussen die Genauigkeit. Für schnelle Action kann die Irissteuerung hilfreich sein, sie ersetzt aber keine klassische Bedienung. Im direkten Vergleich wirkt die 1D X Mark III mit Joystick und festen Tasten alt, aber verlässlich. Muskelgedächtnis schlägt hier Technikexperiment.
Beim Thema Geschwindigkeit punktet die R1 auf dem Papier deutlich. Serienbildraten, Pufferspeicher und Autofokusberechnung liegen über dem Niveau der 1D X Mark III. Besonders die kontinuierliche Motivverfolgung profitiert von der höheren Rechenleistung. Allerdings ist Geschwindigkeit mehr als Bilder pro Sekunde. Die 1D X Mark III reagiert unmittelbar. Kein Sucher-Lag, kein Stromverbrauch durch permanente Sensoraktivität, keine Abhängigkeit von Firmware-Optimierungen. Die R1 ist schnell, aber sie ist schnell innerhalb eines komplexen Systems.
Die Canon EOS 1DX III schafft 16 Bilder pro Sekunde mit dem klassischen Spiegel und 20 Bilder pro Sekunde mit dem mechanischen Verschluss. Hier spielt die Canon R1 doch mit einer Serienbildrate: 40 B/s mit elektronischem Verschluss in einer ganz anderen Liga.
Was mir übrigens sehr positiv aufgefallen ist, daß es kaum Rolling Shutter Artefakte beim lautlosem Verschluss gibt.
Erwartbar und begrüßenswert ist das Äußere der Canon R1 gegenüber der Canon 1DX Mark III fast unverändert. Die neue und Ihre Vorgängerinnen sind auf Anhieb fast nicht zu unterscheiden. Man erkennt auch Konstanz in der Nutzung des Akku. Es ist weiterhin der LP-E19, der ja schon im Vorgängermodell eine recht solide Laufzeit ermöglichte. Bei der Canon R1 sollte man sich aber für einen ambitionierten Tageseinsatz auf jeden Fall einen Reserve-Akku bereithalten. Die Akkuladung scheint schneller als beim Vorgängermodell zu schwinden.
Ebenfalls wie bei der Canon 1DX Mark hat die R1 zwei Speicherkartensteckplätze für CF-Express Typ B um die Datenmengen schnell zu speichern. Neben Wi-Fi und Bluetooth verfügt die Kamera ebenso zudem über einen Ethernet-Anschluss zur Verbindung mit Netzwerken. Umso enttäuschender ist, daß der wirklich teure, aber leistungsstarke Canon WFT-E9 Wireless File Transmitter für die Canon R1 keine Option mehr ist.
Wirklich armselig wirkt dagegen die neue Plastik-Mechanik zur Öffnung des Speicherkartenfachs. An einer Canon R5 gerade noch akzeptabel wirkt es am gut 7.500 € teuren Topmodell wie eine Farce. Unverständlich, daß man da auf den soliden Mechanismus der Canon 1D-Modelle verzichtet hat.
Unterm Strich ist die Canon R1 keine einfache Verbesserung der 1D X Mark III, sondern ein Paradigmenwechsel. Für technikaffine Fotografen und Vogelliebhaber, die bereit sind, Kontrolle an Software abzugeben, bietet sie reale Vorteile. Wer jedoch maximale Vorhersagbarkeit, direkte Kontrolle und ein Werkzeug ohne Interpretationsspielraum sucht, findet in der alten DSLR weiterhin eine ernstzunehmende Referenz. Neu ist hier nicht automatisch überlegen. Es ist nur anders.