Invasion von Sibirischen Tannenhähern (Nucifraga caryocatactes macrorhynchos) in Brandenburg?

Sibirischer Tannenhäher
copyright: Ralf Donat

In Ornitho.de hatte ich gesehen, daß sich Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) im südlichen Brandenburg aufhalten würden. Sowohl am Crinitzer Bahnhof als auch in Wanninchen südlich Luckau war die Art gesehen worden. Ich hatte den Verdacht, daß es sich ggf. um eine Invasion der sibirischen Unterart des Tannenhähers handeln könnte.

Der Tannenhäher in Wanninchen stocherte mehrere Minuten in Kuhfladen auf Rinderweide und konnte dabei fotografiert werden. Das Blogbild zeigt einen dieser Tannenhäher. Ein ganz herzlicher Dank geht an den Fotografen, Herrn Ralf Donat. Auch aus der Lieberoser Heide wurde ein Tannenhäher bis Mitte November gemeldet.

In seinem mitteleuropäischen Brutgebiet gilt der Tannenhäher als Standvogel mit Dismigrationen. Kurze Wanderungen zu günstigeren Nahrungsvorkommen sowie Schneeflucht im Winter sind möglich. Die ggf. hier in Betracht kommende sibirische Unterart  hingegen tritt bei geringer Samenausbeute der Sibirischen Arve (Pinus sibirica) invasionsartig in Mitteleuropa auf.

Der Sibirische Tannenhäher zeichnet sich durch einen schlankeren Schnabel aus, was ihm den umgangssprachlichen Namen schlankschnäbliger Tannenhäher – oder im Englischen Slender-billed Spotted Nutcracker – gab.   Zusätzlich besitzt die sibirische Unterart  eine breitere weiße Schwanzbinde im Vergleich zu  Vögeln mit mitteleuropäischem Verbreitungsschwerpunkt. In seinem „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“, Band 13/III Passeriformes (4. Teil) Corvidae – Sturnidae beschreibt Urs N. Glutz von Blotzheim ab Seite 1558 die Feldkennzeichen. Dabei wird vom Verfasser herausgehoben, daß die Bestimmung im Felde nur aus der Nähe und bei charakteristischer Ausprägung der Unterschiede möglich ist. Der schlanke und niedrigere Schnabelfirst bei dem Sibirischen Tannenhäher führt zu einem sogenannten „Starenkopf“. Das Bild des Blogs zeigt m.E. sehr schön diesen schlanken Schnabel. Wie auch der Verfasser des o.a. Bildes ausführte, fiel das wenig scheue Verhalten des Tannenhähers auf der ehemaligen Kuhweide auf. Auch das wird im „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“ als auffällig für den Sibirischen Tannenhäher beschrieben.

Auf Seite 1557 wird die Schnabelform in einer schönen Zeichnung sehr gut, wenn auch vielleicht zu plakativ, dargestellt.

In der Zwischenzeit wurden auch noch Meldungen aus der Dübener Heide bei Söllichau (dort war 1 Tannenhäher tot auf einem Grundstück gefunden worden) und aus Schlepzig im Spreewald abgegeben.

Immer wieder werden Sibirische Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes macrorhynchos) aus Deutschland gemeldet. Sogar noch Mitte Mai in Schleswig-Holstein. Diese Vögel konnten in den Gärten am Timmendorfer Strand beobachtet werden. Es handelte sich um 2 Sibirische Tannenhäher, die sich vornehmlich in den Zweigen von 2 einzeln stehenden, hohen Fichten aufhielten. Beide Tannenhäher bemühten sich um die am Baum verbliebenen Zapfen. Dann wurde die Nahrungssuche auch am Boden des Gartens fortgesetzt. Die Tiere verhielten sich anfangs wenig scheu. Nach Aussagen von Nachbarn sollen sich die auffallend wenig auffälligen Sibirischen Tannenhäher schon seit Wochen im Ort aufgehalten und Nüsse geknackt haben. Der Verfasser des kurzen Artikels vermutet, daß sich die Tannenhäher noch Mitte Mai in Schleswig-Holstein aufhielten. Möglicherweise hatte sich ihr Abzug witterungsbedingt verzögert. Bei einer wochenlangen Ostwind-Wetterlage herrschten im Ostseeküstenbereich ausgesprochen niedrige Temperaturen vor.

Für entsprechende Hinweise für und wider die Annahme, daß es sich um die sibirische Unterart des Tannenhähers handelt, ist Bird-lens.com sehr dankbar.

Das Phänomen des Auftretens des Tannenhähers erinnert an das winterliche Vorkommen von (östlichen) Halsbanddohlen (Corvus monedula soemmerringii) im Havelland.  Hier liegen die nächsten Brutgebiete der Dohle der Subspezies soemmerringii, die im Deutschen auch Halsbanddohle genannt wird, allerdings deutlich weiter westlich. So u.a. im Süden Finnlands. Auch hier erstreckt sich das Brutgebiet aber über einen riesigen Bereich, der sich östlich bis an den Baikalsee, Sibirien und den Nordwesten der Mongolei erstreckt. Diese östliche Dohle wird in Deutschland nur vereinzelt in den einschlägigen Foren gemeldet. So gab es in dem nationalweit agierenden Ornitho.de für 2014 nur knapp 30 Meldungen (insgesamt gut 100!), die meist aus dem Norden und Osten kamen.

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