Buschrohrsänger: Sommergast in Estland

BuschrohrsängerTrotz des frühen Morgen beuteln Windböen die Sträucher und Bäume. Das hilft zwar gegen die Mücken. Aber es führt eben auch dazu, daß die Blätter der Büsche auch ganz ohne die Aktivität von Grasmücken und Rohrsängern bewegt werden. Das wird die Entdeckung des von mir an diesem Morgen gesuchten Buschrohrsängers (Acrocephalus dumetorum) nicht unbedingt einfacher machen. Buschrohrsängersind Langstreckenzieher, die recht spät im Jahr in ihre Brutgebiete im östlichen Mittel- und Nordeuropa ziehen. Aber nun, Ende Mai, sind sie auch an ihrer westlichen Grenze des Verbreitungsgebiets zu finden. Ich habe mir dazu die nordwestlichste Landspitze des Matsalu National Park in Estland ausgesucht. Ein kleines Örtchen, Puisenina, zieht sich wie ein langer Finger in die Matsalu Bay hinein.

Schon 2 Tage vorher, hatte ich mich dem Buschrohrsängersind widmen wollen. Es war mitten am Tag und es windete recht stark. Dieser Umstand und die Tageszeit ist der Vogelbeobachtung ja allgemein nicht zuträglich. Den Buschrohrsänger sahen wir dann auch nur kurz in einem sehr schilfigen Bereich in der Übergangszone zwischen Strauch- und Strandbereich; die Sichtungen waren aber immer nur so kurz, daß es zu keinem anständigen Foto kam. Außerdem waren die Büsche so dicht belaubt, daß man Vögel nur schwer entdecken konnte.

Daher probierte ich mein Glück 2 Tage später noch einmal; diesmal früh morgens. Leider waren die Wetterverhältnisse wieder nicht optimal. Zuerst sehe ich nur eine Heckenbraunelle (Prunella modularis) zusammen mit einem Grünfinken (Chloris chloris) auf einer Leitung sitzen. Eine Weile widme ich mich den sehr territorialen Sperbergrasmücken (Sylvia nisoria), die sich ebenfalls in beeindruckender Dichte hier in dem küstennahen Gebiet aufhalten. Ein Paar verteidigt vehement, wenn auch weitgehend gut versteckt aus den Büschen heraus, ihr Revier. Mit dem abgespielten Gesang sind sie einfach nicht einverstanden. Erst am Schluß kann ich eine Sperbergrasmücke in einem niedrigen Baum kurz fotografieren. Ich habe den Eindruck, daß die Sperbergrasmücke sogar auf das Abspielen des Gesangs des Buschrohrsängers reagieren. Es ist schon nach kurz nach 7:00 und immer noch keine Spur vom Buschrohrsänger. Und dann macht auch noch ein Gelbspötter (Hippolais icterina) den Gesang des Buschrohrsängers nach. Das verwirrt zusätzlich.

Ich laufe etwas vom Ort weg. Hier ist der Eingang zu einer Badestelle, die ich bereits zur Fotografie der ziehenden Wasservögel genutzt hatte. Dort hatte ich schon vor 2 Tagen den Eindruck, daß dort ein Rohrsänger singt, den ich damals aber als Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) – maximal noch einen Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) – „abgehakt“ hatte. Nun bin ich mir nicht mehr so sicher und spiele an gleicher Stelle, der Übergangszone aus Büschen, Alt-Schilf und Strand den Gesang des Buschrohrsängers ab. Nach wenigen Strophen erfolgt die Reaktion prompt. Laut und deutlich singt der Buschrohrsänger seine an einen Sumpfrohrsänger erinnernde Melodie. Ich stiefle durch dicke Krautschicht, Brennesseln, winterliches Spülmaterial und das Schilf. Ein Buschrohrsänger taucht an einem alten, vertrockneten Schilfhalm auf und singt gegen den vermeintlichen Nebenbuhler an. Er singt mitten im Schilf. Das wird eigentlich im Svensson, dem Kosmos Vogelführer: Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens von Killian Mullarney, Lars Svensson uns Dan Zetterström ausgeschlossen. Er wechselt dann die Warte und sitzt dann in einer Vogelbeere. Die Reaktion auf das Abspielen vom Tape ist prompt und leider auch mit vielen Lokalitätswechseln verbunden. Trotzdem nutze ich die Zeit mir diesen Rohrsänger nun genauer anzugucken. Er wirkt tatsächlich viel grauer als ein Sumpfrohrsänger. Nach einer Weile hat man den Gesang auch intus und kann ihn gut identifizieren. Im Hintergrund ist die ganze Zeit der Karmingimpel (Carpodacus erythrinus) zu hören. Eine Weile sehe und höre ich dann nichts mehr von dem Buschrohrsänger. Dann sehe ich ihn wie eine Maus durch das alte Schilf und das niedrige Gras dazwischen schlüpfen. Die Entfernung beträgt nun vielleicht noch 5 Meter. Schließlich kann ich den Buschrohrsänger auch mal – wie es sich gehört – in einem Busch ablichten. Jetzt läßt er sich aber auch nicht mehr locken. Verwirrung stiftet immer noch ein Gelbspötter, der sich von der Melodie des Buschrohrsängers offensichtlich besonders angesprochen fühlt. Es bleibt festzuhalten, daß der Buschrohrsänger doch eine erstaunliche Präferenz für die Übergangszone zwischen Schilf und Busch hatte. Das gilt vielleicht nur für die Jahreszeit. Aber es ist – trotz eines anderen Standorts – das gleiche Habitat wie vor 2 Tagen.

Buschrohrsänger kommen laut den Berichten in Ornitho.de und dem Club 300.de immer wieder auch nach Deutschland. Demzufolge gibt es gute Chancen, dass Vogelbeobachter ihn auch vergleichsweise westlich beobachten können.

2014 gab es z.B. Meldungen von der Greifswalder Oie, von Helgoland und auch von Peenemünde. Auf Helgoland war der Buschrohrsänger recht prominent zuletzt am Kurteich auf der Hauptinsel zu sehen. Er trieb sich aber auch um das E-Werk und die Jugendherberge herum. Auf der der Greifswalder Oie wurde ein Buschrohrsänger am 21.05. 2014 gefangen und beringt. Bis dato gab es von der Greifswalder Oie 4 Nachweise in diesem Jahr: je ein Fängling am 20.05., 21.05. und 26.05. sowie eine Beobachtung eines singenden Vogels am 24.05.2014.

Der im Blogbild abgebildeten Buschrohrsänger konnte nun erstmals in seinem Brutgebiet, in Estland fotografiert werden. Die bisher verfügbaren Bilder u.a. im “Picture Shop” wurden stattdessen von einem Exemplar eines Buschrohrsängers gemacht, das ausgiebig am Rande eines Busches im Winter 2008 im Keoladeo Ghana Nationalpark (auch Bharatpur genannt) in Indien verweilte. Hier überwintert die Art regelmäßig.

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