Vogelfotografie im Biebrza-Nationalpark im Frühjahr

Weissbart-SeeschwalbeIm Nordosten Polens, etwa 200 Kilometer nordöstlich von Warschau, erstreckt sich eine einmalige Sumpflandschaft, die von vielen deutschen Tierfotografen inzwischen nicht mehr vernachlässigt wird. Der Biebrza-Nationalpark liegt zwar eigentlich nicht gleich vor unserer Haustür, doch stellt er für etliche Arten die westlichste Verbreitungsgrenze dar. So kann man an der Biebrza nach wie vor viele in Europa sonst schwierig zu sehende Arten wie Doppelschnepfe, Seggenrohrsänger oder Schreiadler relativ leicht sehen. Mit dem Auto schafft man die Fahrt an einem Tag. Von Berlin führt die Route über die A2 und dann ab Frankfurt/Oder weiter nach Poznan-Warschau-Bialystok.

Der Biebrza-Nationalpark, der „Europäische Amazonas” schützt ein riesiges Flußsystem mit ausgedehnten Feuchtwiesen, Wasserflächen, Sümpfen und Auwäldern. Der Park hat eine Größe von etwa 60.000 Hektar. Geprägt wird das Gebiet von dem Biebrza-Becken, einem außergewöhnlich weitläufigen Feuchtgebiet. Die Biebrza entspringt an der östlichen Grenze Polens, in den Falkenbergen und fließt bei der Ortschaft Wizna in den Narew. Über eine Gesamtstrecke von ca. 160 km schlängelt sich die Biebrza, einer der letzten freifließenden Flüsse Europas, durch die Wiesen und Täler der Niederung. Im Frühjahr verwandelt sich die Biebrza in eine große Seenlandschaft, die sich bis zu einer Fläche von 400km2 ausdehnen kann. Ab April beginnt der Wasserstand wieder zu sinken. Nach und nach fallen die Flächen wieder trocken, zunächst in Form von Inseln, bis sich das Wasser letztendlich wieder ganz ins Flussbett zurückgezogen hat. Diese periodischen Überschwemmungen, die auf einer hohen Schneeschmelze im Oberlauf basieren, tragen dazu bei, dass eine sehr hohe Biodiversität und eine kleinräumige landschaftliche Differenzierung entstehen kann. Inmitten des Nationalparks befindet sich das streng geschützte Naturschutzgebiet „Czerwone Bagno”,der Rote Sumpf. Dieses Gebiet ist bereits1926 zum Schutz des Elchs (Alces alces) gegründet worden. Dem Elch kann man heute im Nationalpark fast überall begegnen. Auch zahlreiche Amphibienarten tummeln sich in den Feuchtgebieten.

Die Liste der Vögel, die viele Ornithologen in den Nationalpark lockt, ist lang. Der Wappenvogel des Nationalparks ist der Kampfläufer (Calidris pugnax). Im Biebrza- Gebiet brüten noch ein bis drei Paare Zwergadler (Hieraaetus pennatus), 15 Reviere sind vom Schelladler (Clanga clanga) belegt und auch Schlangenadler (Circaetus gallicus) brüten mit zwei Paaren in diesem Gebiet. An weiteren Adlern wären noch die 50 bis 55 Brutpaare Schreiadler (Clanga pomarina) und natürlich der Seeadler (Haliaeetus albicilla) erwähnenswert. An Greifvögeln wären weiterhin noch Rohrweihen (Circus aeruginosus), Kornweihen (Circus cyaneus), Wiesenweihen (Circus pygargus) sowie Wespenbussarde (Pernis apivorus) zu nennen. Nicht zu vergessen sind die Limikolen Waldschnepfe (Scolopax rusticola), Doppelschnepfe (Gallinago media), Bekassine (Gallinago gallinago), Zwergschnepfe (Lymnocryptes minimus), Großer Brachvogel (Numenius arquata) und Alpenstrandläufer (Calidris alpina). Letzterer brütet mit fünf bis zehn Paaren in dem Gebiet, dem einzigen Brutgebiet im Binnenland Polens.

Die Balz der Doppelschnepfen dürfte wohl bei den meisten Vogelfotografen ganz hoch oben auf der Wunschliste stehen. An verschiedenen Plätzen, z.B. bei Barwik, beginnen die Doppelschnepfen schon am späten Nachmittag mit der Balz. Dort gibt es eigens für die Doppelschnepfenbalz einen Beobachtungsstand, der jederzeit zugänglich ist. Bis zu 400 balzende Männchen sollen im Nationalpark aufgetreten sein. Westlich von dem Forsthaus Barwik befindet sich der berühmte Doppelschnepfenbalzplatz. Die Einfahrt führt über einen sandigen Feldweg nördlich des Örtchens Dobarz. Nach kurzer Zeit erreicht man einen Parkplatz am Forsthaus Barwik. Von hier aus geht man rund 15 Minuten den Feldweg weiter bis man auf der rechten Seite eine kleine Plattform erreicht, von der aus man nach Norden direkt auf den Doppelschnepfenbalzplatz blicken kann. Die Vögel beginnen rund eine Stunde vor Sonnenuntergang und steigern sich in ihren einmaligen Balzgesang bis sie sich in der Abenddämmerung fliegend über den Balzplatz fliegen. Zum Zeitpunkt des Besuchs stellte ich jedenfalls das Auto am Forsthaus Barwik ab und wanderte den Weg entlang, der voller Löcher war. Ich wußte, daß die Jahreszeit schon weit fortgeschritten war und es schwierig werden würde, noch Doppelschnepfen an ihrem Balzplatz zu treffen. Ich wartete bis zur Dunkelheit. Leider waren Doppelschnepfen weder zu hören noch zu sehen. Später bekam ich den Tipp, Doppelschnepfen bei Mścichy zu suchen. Die Doppelschnepfen balzen aber angeblich erst nach Einbruch der Dunkelheit.

Die letzten Bruten der Doppelschnepfen in Deutschland wurden 1931 in Schleswig festgestellt. Unter den Singvögeln sind u.a. die seltenen Arten Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola), Blaukehlchen (Luscinia svecica), Karmingimpel (Carpodacus erythrinus) und Wiedehopf, europ. (Upupa epops) zu sehen. Der Seggenrohrsänger hat im Nationalpark einen Brutbestand von nur noch 2.000 Paaren. Ein Vogel, der so häufig vorkommt, daß er oft überhaupt nicht erwähnt wird, ist der Weißstorch (Ciconia ciconia). Außerhalb der Ortschaften brütet er regelmäßig auf Strommasten. Auf einer Strecke von fünf Kilometern zählte ich zehn besetzte Weißstorch horste. Junggesellentrupps mit bis zu 100 Vögeln konnte ich ebenfalls schon beobachten. Natürlich kann man auch seinen etwas dunkleren Verwandten, den Schwarzstorch (Ciconia nigra), entlang von Biebrza und Narew beobachten. Von den Seeschwalben brüten Weißbart-, Weißflügel-, Trauerseeschwalbe (Chlidonias sp.) sowie Fluß- und Zwergseeschwalbe in der Biebrza-Niederung. Insgesamt wurden bis jetzt gut  260 Vogelarten registriert, darunter immerhin 180 Brutvogelarten.

Auch die Pflanzenwelt ist sehr artenreich. Häufig ist die Gewöhnliche Kuhschelle (Pulsatilla vulgaris). In Altarmen, die vom Fluß abgeschnitten sind, findet man oft ganze Teppiche von der Krebsschere (Stratiotes aloides), auf denen nicht selten die in Deutschland auf der roten Liste stehende Trauerseeschwalbe brütet. Gebiete mit solch reichen Krebsscherenvorkommen würden in Deutschland sofort unter Schutz gestellt, in Ostpolen kümmert sich niemand um sie. In Gräben und auf nassen Wiesen gedeiht das Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris), der Fieberklee (Menyanthes trifoliata) sowie in großer Zahl die Wasserschwertlilie (Iris pseudacorus). Die Wasserfeder ((Hottonia palustris) blüht in Tümpeln und in Gräben, die sie regelrecht zuwuchern kann. Die Sümpfe sind im Frühjahr vom gelben Blütenteppich der Sumpfdotterblumen (Caltha palustris) überzogen. An Orchideen finden sich eine Reihe Knabenkräuter, vom Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata) bis zum Wanzen-Knabenkraut ((Orchis coriophora). Stets hält der Nationalpark Überraschungen bereit. Die Landschaft verändert sich jedes Jahr. Nie weiß man, was einen erwartet. Wollte ich in einem Jahr Doppelschnepfen fotografieren, so blieb ich bei Brachvogel und Uferschnepfe hängen. Fand ich einmal keine Weißflügelseeschwalben, so bekam ich sie ein Jahr später reichlich zu Gesicht und vor die Kamera.

Die Nutzung von Fotoverstecken wird nach meiner Überzeugung inzwischen nicht so gern gesehen und ist auf jeden Fall genehmigungspflichtig. Man kann aber von vielen Stelle aus dem Auto heraus fotografieren. Weißflügelseeschwalben, die sich gern auf Weidepfählen niederlassen, fotografierte ich so. Gerade wenn man früh im Jahr fährt, braucht man manchmal zum Fotografieren eine Wathose. Ansonsten sind das ganze Jahr über Gummistiefel wärmstens empfohlen.

Ausgangspunkte für Exkursionen im Biebrza-Nationalpark gibt es viele. Im ersten Jahr hatte ich Unterkunft am Unterlauf der Biebrza in Budy, einem alten verlassenen Dorf, mitten im Nationalpark gefunden. Von hier aus lassen sich Erkundungen in nördliche Richtung bis Goniadz und in Richtung Süden bis nach Wizna bequem in Tagesausflügen unternehmen. Diese Ziele sind bequem über den „Zarendamm” zu erreichen. Unmittelbar in der Nachbarschaft von Budy befindet sich ein Zeltplatz in Barwik. In Budy selbst gibt es zwei Zeltplätze. Der eine bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten in Holzhäusern. Weitere Zeltplätze existieren in Goniadz, Osowiec und Wizna.

Auch wenn das Büchlein ein wenig in die Jahre gekommen ist, bietet ein deutschsprachiger Naturreiseführer: Narew und Biebrza – Leben am europäischen Amazonas, von Norbert Schäffer (1996, 174 S.) nützliche Anschriften und Tipps.

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