Die winterliche Niederung der Unteren Havel

SingschwanNebel steigt aus den Flußauen, die Stille wird durchbrochen nur hier und da von den cru-cru-Rufen der Kraniche. Singschwäne (Cygnus cygnus) grasen die überschwemmten Wiesen ab, schütteln sich im Gegenlicht die Wassertropfen vom Schnabel. Wenig später dann die typischen leicht qäkenden Flugrufe von Gänsen. Wenn im Spätwinter und Vorfrühling die Sonne im Morgengrauen die Feuchtigkeit aus den Wiesen und Bruchwäldern treibt, kann man in den nebligen Havelauen oft ein prachtvolles Lichtspiel erleben. Dichte Nebelschwaden steigen aus den Langgraswiesen auf, und das Morgenlicht taucht die Natur in immer neue Farben. Auenwälder, offene Wasserflächen und ausgedehnte Feuchtwiesen prägen die Niederung der Unteren Havel. Ein Lebensraum, der in den frühen Morgenstunden am stimmungsvollsten ist.

Die Niederung der Unteren Havel ist eine der letzten naturnahen Flußauen in Deutschland. Zwischen dem brandenburgischen Rathenow und Havelberg in Sachsen-Anhalt mäandriert die langsam fließende Havel durch eine ausgedehnte Wiesenlandschaft des Naturparks Westhavelland, der über 700 vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet. Viele der Gebiete sind Naturschutzgebiete und weisen eine geringe Nutzungsintensität der Wiesen und Feldern auf. Die Abgelegenheit der Landschaft, die inmitten eines gering besiedelten Gebietes liegt, sorgt für die nötige Störungsfreiheit einiger seltener Arten wie dem Seeadler (Haliaeetus albicilla). Eine lockere und abwechslungsreiche Vegetationsstruktur sorgt dafür, dass nicht nur Beutegreifer viele unterschiedliche Futter- und Rastflächen finden. Auch für andere Vogelarten offener Feldflur, feuchter Wiesen und naturnaher Gewässer sind die Wiesen, Wasserflächen, Äcker und Feldern ein hochwillkommenes Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet.

Die winterliche Havelaue bietet jedoch nicht nur Landschaftsfotografen, sondern vor allem auch Vogelfotografen besondere Motivmöglichkeiten.

Die Niederung der Unteren Havel zählt zu den bedeutendsten Naturschutzgebieten Brandenburgs und ist ein wichtiges Vogelschutzgebiet in Mitteleuropa. Auf ihrem Zug in die Überwinterungsquartiere besuchen bis zu 100.000 nordische Gänse – vor allem Saatgänse (Anser fabalis) und Bläßgänse (Anser albifrons) die Niederung. Sie rasten während der Nacht in größeren Gruppen auf dem Gülper See, der jedoch nicht nur als Zwischenrastplatz für ziehende Wasservogelarten von Bedeutung ist, sondern auch als Brutgebiet für viele andere Vogelarten, wie Rohrweihe (Circus aeruginosus), Rohrdommel (Botaurus stellaris), Graureiher (Ardea cinerea). An Singvögeln sind im unmittelbaren, von Schilf geprägten Umfeld der Havel und des Gülper Sees Beutelmeise (Remiz pendulinus),

Bartmeise (Panurus biarmicus) und Rohrammer (Emberiza schoeniclus) erwähnenswert. Besonders der See bietet diesen Arten mit seinen ausgedehnten Schilfzonen Schutz während der Brutzeit. Turteltauben (Streptopelia turtur) brüten ebenfalls im Gebiet, verlassen aber schon im August und September die Region der Unteren Havel.

Die ersten nordischen Gänse, die in der Havelaue eintreffen, sind die Saatgänse. Sie erreichen zwischen Ende September und Anfang Oktober das Gebiet. Anschließend kommen die Bläßgänse hinzu, die insgesamt betrachtet zahlenmäßig stärker vertreten sind. In den letzten Jahren werden im Binnenland auch häufiger seltenere Arten auf, zum Beispiel die Nonnengans (Branta leucopsis) und die Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) beobachtet. Der Bestand der Graugans (Anser anser) während des Durchzugs vom Spätsommer bis zum frühen Herbst kulminiert mit bis zu 9.000 Tieren.

Schon vor den Gänsen finden sich Kraniche (Grus grus) in der Niederung der Unteren Havel ein. Es sind vorwiegend havelländische Brutvögel und deren Jungvögel, erfolglose Brutpaare und sogenannte Junggesellentrupps. Im Oktober und November kommen die Kraniche aus den baltisch-nordischen Brutgebieten dazu, die allerdings im Laufe des Winters weiterziehen.

Graureiher (Ardea cinerea) und Kormorane (Phalacrocorax carbo) besetzen gemeinsam am Südufer des Gülper Sees bei Prietzen eine der größten Brutkolonien in Brandenburg. Wenn das Brutgeschäft zu Ende ist, sammeln sie sich in Gruppen und bleiben – abhängig vom Klimaverlauf – noch längere Zeit in dem Gebiet. Ein sehr wichtiger Zwischenrastplatz auf dem Weg ins Winterquartier ist der Gülper See auch für Limikolen wie den Grünschenkel (Tringa nebularia) und Bruchwasserläufer (Tringa glareola). Während ihrer Wanderungen sind sie ganz besonders auf Feuchtwiesen und Schlammflächen angewiesen, da sie nur dort ausreichend Nahrung finden können, um ihre Fettreserven für den anstrengenden Weg zug aufzustocken. Als weitere Limikolenarten sind während der Zugzeiten und teilweise auch als Brutvögel der Regenbrachvogel (Numenius phaeopus), die Uferschnepfe (Limosa limosa) und der Großer Brachvogel (Numenius arquata), der Kampfläufer (Calidris pugnax), der Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula) und der Flußregenpfeifer (Charadrius dubius) zu nennen. Nur sporadisch sind Teichwasserläufer (Tringa stagnatilis) und Alpenstrandläufer (Calidris alpina) anzutreffen. Der Limikolenzug ersteckt sich bis in den November, allerdings erfolgt das Hauptgeschehen bis Ende Oktober. Vor allem Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) und Kiebitze (Vanellus vanellus) halten sich länger – in milden Wintern – in dem Gebiet auf.

Typische Wintergäste in den Flußauen der norddeutschen Tiefebene sind nordische Schwäne, zu denen Singschwäne (Cygnus cygnus) und Zwergschwäne (Cygnus columbianus) gezählt werden. Wie auf Texel  verbringen diese arktischen Brutvögel den Winter im Flachland Mitteleuropas. Ab Mitte Oktober treffen die ersten Singschwäne ein, von denen sich während der kalten Jahreszeit bis zu 1.300 Tiere in der Flußaue aufhalten. Die hochnordischen Zwergschwäne treten aufgrund der speziellen Zugphänologie erst ab Ende November auf, wobei ihre Bestände zahlenmäßig deutlich kleiner sind. Erst zum Heimzug in ihre arktischen Brutgebiete im Norden Sibiriens sind sie häufiger in der Niederung anzutreffen. Die dritte vorkommende Schwanenart ist der Höckerschwan (Cygnus olor). Der bereits anwesende brandenburgische Bestand wird mit Tieren aus östlicheren Regionen (u.a. aus Polen oder dem Baltikum) aufgestockt. Die drei Schwanenarten (vor allem Singschwäne und Zwergschwäne) sind während ihrer Anwesenheit miteinander vergesellschaftet, wodurch zeitweise ein Gesamtbestand von maximal 1.500 Tieren vorkommen kann. Zu den Schwanengruppen gesellen sich häufig auch Enten- und Gänsetrupps. Dadurch kommt es zur Konzentration vieler Individuen mehrerer Arten auf einer relativ kleinen Fläche. Die Große Grabenniederung bei Parey ist, neben dem Gülper See, ein weiteres Zentrum der winterlichen Wasservogelansammlungen wobei besonders verschiedene Gründelentenarten, wie Pfeifenten (Anas penelope), Löffelenten (Anas clypeata), Spießenten (Anas acuta), Krickenten (Anas crecca) hervorzuheben sind. Der Gülper See ist auch ein Sammelplatz für die Tafelente (Aythya ferina). Auf der Havel kann man sehr schön zu dieser Zeit Schellenten (Bucephala clangula) beobachten.

Von den Vogelmassen fühlt sich auch ein ganz besonderer Gast angezogen. Das ist der Seeadler (Haliaeetus albicilla). In der Nähe brüten einige Paare. Die Anzahl der Seeadler, die allerdings im Winter gesichtet werden, deutet darauf hin, daß auch diese Vogelart dem aus östlichen Europa Verstärkung bekommt. Gerade, wenn es kalt ist und Teile der flach überstauten Flutwiesen und Kanäle vereist sind, fühlt sich der Seeadler in seinem Element. Der streitende Junggesellentrupp des Seeadlers im Januar 2016 ist da nur ein Beispiel.

Die Naturparkverwaltung hat in Abstimmung mit den Landeignern die für diese Arten besonders attraktiven, flach überstauten Flutwiesen entstehen lassen, wodurch es zur Konzentration von Gründelenten mit bis zu rund 10.000 Tieren kommen kann. Während der Anwesenheit der genannten Vogelarten werden Ruhezonen und Ablenknahrungsflächen eingerichtet. Jede unnötige Störung der Tiere – wie die Begehung und Befahrung sensibler Feldwege, die Fotografie in den Ruhezonen usw. – ist zu vermeiden.

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