Dem Schreiadler ins Nest gucken

SchreiadlerGucken und warten! Manchmal stundenlang, immer wieder mit dem Fernglas auf und über den gegenüberliegenden bewaldeten Hang schauen. Manchmal – am Nachmittag – muß man gegen das Licht blicken, was sehr unangenehm ist. Wobei das Laubwerk der Baumkronen jetzt Mitte April nur noch spärliche Lücken bietet. In ein paar Tagen sind die Bäume dicht belaubt. Doch irgendwann muss der Schreiadler ja kommen. Milos möchte die Balz erleben, die meist unmittelbar nach der Ankunft am Brutplatz beginnt und sehr spektakulär ist. Die Balzflüge am und über dem späteren Brutplatz sind von ausdauernden Wellenflügen des Männchens geprägt. Da steigt der Schreiadler in einem Wellenflug auf, schwingt dann am höchsten Punkte der Welle mit angelegten Flügeln abwärts, um dann mit dem gewonnenen Schwung wieder zum nächsten Wellenflug aufzusteigen. Wann genau die Schreiadler im Gebiet ankommen, kann man nicht sagen. Es vergehen daher auch Tage, ohne einen Schreiadler zu sichten. „Das kann frustrieren, und am dritten Tag ist es dann ein großes Ereignis, endlich Erfolg zu haben“, beschreibt Milos, ein Ranger in den Karpaten, die zeitweilige Geduldsprobe.

Das Aufspüren von Vogelnestern, insbesondere von seltenen Arten, ist ein sensibles Unterfangen. Milos Majda ist für die Bewachung und Überwachung der Tierwelt der Karpaten seit mehr als 20 Jahren verantwortlich. Zunächst arbeitete Milos als Ranger für die Mala Fatra Nationalpark. In diesem Job hat er gelernt, Bäume mit professioneller Ausrüstung zu erklettern. Jetzt ist Milos als Naturschützer selbstständig. Bei der Verfolgung dieses Job hat er alle erforderlichen Genehmigungen was u.a. die Nutzung der Forststraßen einschließt. Im Auftrag der Naturschutzbehörden untersucht Milos Brutbestand und Gefährdung des Schreiadlers, um Maßnahmen abzuleiten, die dem Greifvogel wieder mehr Lebensraum und Nahrung verschaffen und damit seine Existenz sichern sollen. Einst gehörte der elegante Greifvogel in den Karpaten zum alltäglichen Bild in der Feldlandschaft. Sein Bestand hat sich jedoch verringert und wird heute in der Slowakei auf maximal 900 Brutpaare geschätzt. Als Gründe werden vor allem die Intensivierung und Umstellung der Landwirtschaft genannt.

Schreiadler bewohnen naturnahe Wälder mit angrenzenden offenen, nahrungsreichen Flächen. Anders als im Norden des Verbreitungsgebietes (z.B. Deutschland) wird Hügel- und Bergland in den Karpaten bevorzugt. Das Habitat ist locker mit Laubwald bestockt und mit Wiesen durchsetzt. Schreiadler gehören zu den kleineren Vertretern der Gattung Aquila. Sie erreichen eine Körperlänge von bis zu 67 cm und eine Flügelspannweite von bis zu 1,68 Meter. Damit sind sie immer noch erheblich größer als ein Mäusebussard, was im Flugbild aber nicht unbedingt auffällt. Der Geschlechtsdimorphismus ist bezüglich Größe und Gewicht recht deutlich ausgeprägt. Männchen sind deutlich kleiner als die Weibchen, was bei der Bestimmung aber auch keine große Hilfe ist. Die Art weist wie andere Aquila-Arten eine Brutbiologie auf, bei der meist zwei Eier gelegt werden. Das zuerst geschlüpfte Junge tötet jedoch grundsätzlich das/die jüngere(n) Geschwister, so dass außer in seltenen Ausnahmefällen immer nur ein Jungvogel ausfliegt.

Milos hatte schon im Spätwinter angefangen, Nester von Großvögeln zu suchen und zu kartieren, allerdings noch ohne zu wissen, welcher Vogel sich darauf setzen wird. Mitte April flog der Greifvogel ein. „Er überwintert vor allem im südöstlichen Afrika. Das ist eine Besonderheit des Schreiadlers“, erklärt Milos. Er bezieht Horste meist „nicht weit weg von Siedlungsbereichen“, in Wäldern zwar, aber in solchen, die nahe an Dörfern liegen, wo es „strukturreicher“ sei. Der Greifvogel halte der Region die Treue. Die Nester werden auf Bäumen im Wald und meist in dessen Randzone errichtet und überwiegend selbst gebaut, nur selten werden Nester anderer Vogelarten überbaut. Die gewählte Baumart, hohe Kiefern, Buchen und Eichen richtet sich nach dem vorhandenen Angebot. Im Frühjahr gäbe es freie Sicht. Später sind viele Nester aber schwer zu finden. Wie andere Greife bevorzugt der Schreiadler kräftige Bäume, die bis zu 30 bis 40 Meter hoch sein können. Dies gilt besonders, wenn er einen neuen Horst gebaut hat.

Der Schreiadler fresse alles, „was ihm vor den Schnabel kommt“, sagt Milos. Dazu gehörten Elstern ebenso wie Kleinsäuger. Ein gefundener Lauf habe indes auf einen kleinen Hasen hingedeutet. Feldmäuse stehen für den Schreiadler auch in der Slowakei an erster Stelle. An zweiter Stelle folgten Feldhamster und dann erst Vögel. Untersuchungen ergaben, daß diese Adler in der Slowakei zu ca 90% kleine Nagetiere fressen. Anders als bei den wenigen Individuen der Art in Deutschland spielen Amphibien oder auch Reptilien im Beutespektrum nur eine untergeordnete Rolle.

Milos ist später im Jahr allein oder mit Kollegen alle ihm bekannten Nester mehrere Male wieder abgelaufen. Auf einigen saßen Kolkraben, auf anderen Mäusebussarde oder Krähen. Nur wenige Altnester seien übrig geblieben. „Zuerst haben wir geschaut, ob ein Schreiadler auf dem Horst sitzt, und dann den Bruterfolg kontrolliert“, so Milos. 5 Horste hätte er entdeckt mit 5 Jungvögeln. Einmal seien es zwei sonst einer gewesen.

Aus der Bestandsaufnahme solle abgeleitet werden, „was den Schreiadler hier am Leben erhält“, sagt Milos. Die Untersuchungen sollen zuerst die verantwortlichen Behörden und später auch Land- und Forstwirte beraten. Erste Gespräche hätten stattgefunden. Unbewirtschaftete Flächen für den Greifvogel zu nutzen, Luzerne anbauen, die zu der Zeit gemäht wird, wenn der Schreiadler für die Jungen auf Beute geht, oder in der Brutzeit Störungen fernhalten, seien Möglichkeiten zu helfen. Alles müsse nicht nur für die Behörden sondern auch u.a. für die Landwirte umsetzbar sein.

Im Nordwesten der Slowakei scheint sich für die Schreiadler seit neuerem ein weiteres Problem zu ergeben. Und zwar hat dies mit der gesunden und wachsenden Population an Steinadlern (Aquila chrysaetos) zu tun. So beobachtete Milos bei einer Nestkontrolle, wie bei einem dem Steinadler benachbarten Paar des Schreiadlers, längere Zeit ein Weibchen des deutlich größeren Steinadler anwesend war. Milos schreibt es seiner Anwesenheit und den heftigen Angriffe des Schreiadler-Weibchens zu, daß der Steinadler dann wegflog weg. Der Nestling des Schreiadlers blieb unversehrt. Bei einer späteren Nestkontrolle war das Nest offensichtlich zerstört worden. Im Nest blieb nur noch ein Haufen Federn. Eine hohe Steinadlerdichte scheint also ein stark negativen Effekt auf die Population des zu Recht Schreiadler genannten Aquila-Adlers zu haben.

Wie schon gesagt, ist das Aufspüren von Vogelnestern, insbesondere von seltenen Arten, ein sensibles Unterfangen. Das gleiche gilt für die Nest-Fotografie. Nichts, daß man einfach mal so versuchen kann. Ich wollte das aber doch mal erleben und legte daher mein Schicksal wieder in den Händen von Milos Majda und Jaromir Michalec (www.wildlifeexperts.eu). Milos arbeitet in der Bewachung und Überwachung der Tierwelt in der Tatra der Slovakei seit mehr als 20 Jahren. Zunächst arbeitete Milos als Ranger für die Mala Fatra Nationalpark. Jetzt ist er als Naturschützer selbstständig, überwacht und untersucht aber immer noch für verschiedene Natur- und Nationalparkbehörden. Zur Erfüllung dieses Job hat er alle erforderlichen Genehmigungen, was sowohl die freie Einfahrt der Parkstraßen umfaßt als auch die Durchführung der Nestüberprüfung.

Wie bereits in einen Tripreportfür die Slowakei beschrieben, ist einige Organisation im Voraus notwendig, um diese seltenen Vögel nah zu sehen und ggf. auch mal bei einer Nestkontrolle mit dem Ranger dabei sein zu dürfen. Bird-lens.com überlegt eine weitere Reise im Jahr 2015 zu wiederholen. Dann vielleicht auch um andere Vogelarten dieser Gebirgswelt zu sehen. Sollte der Blog Ihr Interesse geweckt haben, ist Bird-lens.com für eine Kontaktaufnahme via Kontaktformular dankbar.

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