Keoladeo-Nationalpark, ein Paradies auch für westpaläarktische Vögel

Black Redstart maleKann man auch in Indien eine Geschäftsreise und Vogelbeobachtung verbinden? Das Land ist groß, die Entfernungen ebenfalls und das meiste an Business spielt sich in einem Ballungsraum – Neu Delhi – ab. Obwohl nach der indischen Volkszählung von 2011 angeblich in dem Gebiet Neu-Delhis nur knapp 250. 000 Menschen leben, sind es doch zumindest im Großraum Delhi mehrere Millionen. Natur muß da zurückstehen. In der Nähe befindet sich allerdings Keoladeo. Der ist laut wikipedia ein Nationalpark im indischen Bundesstaat Rajasthan. Er wird auch Bharatpur Bird Sanctuary oder Keoladeo Ghana Bird Sanctuary genannt. Der Nationalpark liegt etwa 50 km westlich von Agra bei der Stadt Bharatpur und kilometermäßig nicht allzu weit südlich der Stadt Neu Delhi, der Hauptstadt Indiens. Ein Geschäftstrip nach Neu Delhi gestattete noch ein paar Tage in einem Schutzgebiet. Ich entschied mich für das Keoladeo Ghana Bird Sanctuary.

Von Deutschland führte die Reise zuerst nach Neu Delhi. Ich übernachtete in der Stadt, hatte 4 anstrengende Tage in Geschäftsmeetings bei konstant laufender Klimaanlage in abgedunkelten Räumen und machte mich dann am Wochenende auf zu meinem wohlverdienten Relax-Ziel, dem Keoladeo-Nationalpark bei Bharatpur.

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Doch vor dem Vogelgenuß wird es erst noch mal anstrengend. Es sind zwar nur gut 200 km bis zum Keoladeo Ghana Bird Sanctuary. Aber die haben es in sich. Mindestens 3 Stunden – eher 4 Stunden – ist man auf staubigen, vollgestopften Landstraßen unterwegs. Dann ist man aber auch in Keoladeo, Indiens Paradies für Wasservögel. Er ist für Indien, was der Okawango für Botswana und die Everglades für Amerika bedeuten. Die örtliche Bevölkerung kennt Keoladeo als “Ghana”. In ihrer Sprache bedeutet dieses Wort “Wald” oder “Dickicht”. Keoladeo war ursprünglich das private Entenjagdrevier des Maharajas von Bharatpur. In der Sumpflandschaft überwintern viele Wasservögel aus Afghanistan, Turkmenistan, China und Sibirien. Angeblich über 364 Vogelarten. Die Stadt Bharatpur wurde früher regelmäßig während der Monsunzeit überschwemmt. Bei Deichbauarbeiten am sogenannten Ajan-Damm entstand dann durch das Abtragen des für den Dammbau verwendeten Erdreichs eine Mulde, die sich mit Wasser füllte und zum Keoladeo-See wurde. Um 1900 wurde der Keoladeo-See als Jagdrevier hergerichtet. Der flache See wurde mit Dämmen unterteilt. Mittels Schleusen ließ sich der Wasserstand auf dem gewünschten Niveau einstellen. Schießplätze, Verstecke und Wege wurden geschaffen. Keoladeo wurde zu einem der besten Entenjagdgebiete der Welt. Mit einer geänderten Einstellung zu Tieren und Jagd wurde aus dem Revier für die Entenjagd ein Schutzgebiet, das auch 1956 als solches eingerichtet wurde. Zum Nationalpark wurde der Park 1982 per Gesetz erklärt.

In der Zeit des Monsuns von Juli bis September ist überall Brutzeit in diesem ausgedehnten Sumpfgebiet. Bald gibt es allerorten die verschiedensten Jungvögel von Ibis und Storch, Reiher, Kormoran und Purpurhuhn zu sehen. Aber der berühmteste und sehnlichst erwartete Besucher des Keoladeo kommt erst, wenn der Winter ihn aus den nördlichen Regionen in südlichere Gefilde zwingt. Es handelt sich um den seltenen Nonnenkranich (Grus leucogeranus), auch Schneekranich genannt. Dessen Vorkommen bis auf wenige EinzeIexemplare zusammengeschrumpft. Ich habe ihn leider nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn nur wenige Tage vor unserer Ankunft hatten die Kraniche sich auf den Weg nach Norden gemacht.

Selbstverständlich war ich enttäuscht, aber der Anblick vieler anderer Vogelarten brachte mich darüber hinweg. Ich mietete ein Boot. Wir stakten leise durch die flachen Gewässer und kamen so in die Nähe von Anhingas oder AltweIt-Schlangenhalsvögeln (Anhinga melanogaster) und Kormoranen (Phalacrocorax carbo), Rotlappenkiebitzen (Vanellus indicus) und Braunliesten (Halcyon smyrnensis) sowie Paddyreihern (Ardeola grayi) und Streifengänsen (Anser indicus). Einmal trafen wir auf einen Nilgauantilopenbullen (Boselaphus tragocamelus), der wild durch den Sumpf sprang. Die meiste Zeit fuhren wir aber durch absolute Stille. Wie das Boot so durch diese zeitlos wirkende Sumpflandschaft glitt, fühlten wir uns weit zurückversetzt in eine vorgeschichtliche Epoche.

Die andere Art, den Keoladeo kennenzulernen, besteht darin, zu Fuß zu gehen oder per Rikscha über die breiten Wege zu fahren, welche die vielen Feuchtgebiete auf Dämmen verbinden. Nach der ersten Fahrt mit einer Rikscha stand für mich fest, daß diese Art der Fortbewegung für fotografische Zwecke geeigneter war, als mit dem Boot zu fahren. Obwohl ich noch eine weitere Bootsfahrt unternahm, blieb ich die längste Zeit während unseres Aufenthalts auf den Wegen. Während ein ortskundiger indischer Führer in die Pedale trat und dabei Ausschau nach Vögeln hielt, suchte ich ansprechende Fotomotive. Ein weiterer Vorteil dieser Art der Fortbewegung lag darin, daß ich nicht meine gesamte Ausrüstung auf den Schultern tragen mußte. Stattdessen legte ich meine Ausrüstung auf den Sitz und hatte so das passende Gerät für jede Situation schnell zur Hand. Ich sah und fotografierte zwei der kleinen Brahmanen-Käuze (Athene brama), Halsbandsittiche (Psittacula krameri, die ebenso laut wie farbenprächtig waren, einen Waran beim Sonnenbad auf einem toten Baumstumpf und eine große indische Python bei der gleichen Beschäftigung unter Büschen, die ihre Kinderstube tarnte. Grüntauben (Treran spec.) wie z.B. die Rotschultertaube (Treron phoenicoptera) und Wasserfasane (Hydrophasianus chirurgus)       mit langen, dem Pfau ähnlichen Schwanzfedern ließen mich auf viele gute Motive bei der nächsten Fahrt mit der Ridscha hoffen. Einmal hatte ich mehr als sechzig schillernde Purpurhühner (Porphyrio porphyria) in meinem Sucherbild. Was für ein phantastischer Anblick. Der Aufbruch der Zugvögel zurück in ihre Brutquartiere hatte wohl etwa eine Woche vor meiner Ankunft gelegen. Obwohl die Anzahl der Vogelarten daher nicht meinen Erwartungen entsprach, gefiel mir der Keoladeo Nationalpark sehr gut. Ich würde gerne wiederkommen, allerdings zu einer anderen Jahreszeit.

Ein Freund von mir, der über Weihnachten in dem Gebiet war konnte Sichler (Plegadis falcinellus), Löffler (Platalea leucorodia), vielen Entenarten (u.a. Schnatterente (Anas strepera), Pfeifente (Anas penelope), Löffelente (Anas clypeata), Spießente (Anas acuta), Knäkente (Anas querquedula)), Greife (Schmutzgeier (Neophron percnopterus), Schopfwespenbussard (Pernis ptilorhyncus), Gleitaar (Elanus caeruleus), Rohrweihe (Circus aeruginosus), Steppenweihe (Circus macrourus), Schikra (Accipiter badius), Adlerbussard (Buteo rufinus), Schelladler (Aquila clanga), Steppenadler (Aquila nipalensis), Kaiseradler (Aquila heliaca), Zwergadler (Hieraaetus pennatus) und natürlich viele Limikolen wie Goldschnepfe (Rostratula benghalensis), Stelzenläufer (Himantopus himantopus), Rotschenkel (Tringa totanus), Teichwasserläufer (Tringa stagnatilis), Waldwasserläufer (Tringa ochropus), Bruchwasserläufer (Tringa glareola), Dunkler Wasserläufer (Tringa erythropus), Grünschenkel (Tringa nebularia), Kampfläufer (Philomachus pugnax) sowie Eisvogel (Alcedo atthis), Rauchschwalben (Hirundo rustica) und viele überwinternde Singvögel von der Gebirgsstelze (Motacilla cinerea), der Zitronenstelze (Motacilla citreola) bis zum Zwergschnäpper (Ficedula parva) und dem Blaukehlchen (Luscinia svecica) sehen.

Wie aus der kurzen Beschreibung oben klar wird, ist die beste Jahreszeit für einen Besuch im Winter. Derujenige, der sich mit dem Gedanken an einen Besuch trägt, sollte jetzt schon mal die Koffer aus dem Keller holen. Die beste Zeit im Winter ist zwischen November und Februar, wenn die überwinternden Zugvögel im Park sind und es auch nicht so heiß ist.

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